Bella: Nun wollen Sie auch den Brief hören; — ist es nicht so? — Ja, ja. — Nun gut! Hören Sie zu, ich lese zuerst Frau Dr. Stellen's Brief:
»Meine lieben Freunde in Amerika!
Euch allen wünsche ichGesundheit und ein Leben, so glücklich, wie wir es hier führen. Euer letztes Schreiben hat mir viel Freude gemacht und ich schreibe heute deutsch, weil Ihr es wünscht. Wir hatten vor kurzem einenBesuch. Herr Doktor Albert Parks, ein Bruder Eurer Freunde Otto und Louis, war bei uns. Anna war, — wie Ihr Euch leicht denken könnt, — sehr glücklich, einen Amerikaner zu sehen und englisch zu sprechen. Mit uns spricht Anna nur deutsch. Der Herr Doktor hörte es und rief: »Ist es möglich? So kurze Zeit haben Sie deutsch studiert und verstehen so viel und sprechen so gut! Da muß ich mich schämen! Denn ich habe mehr Zeitgebraucht. Ich kann Sieversichern, ich kenneLandsleute hier, die ein Jahr und länger in Berlin und in Leipzig waren und weniger sprechen und verstehen als Sie.«
Ja, ja! Der Herr Doktor ist einliebenswürdiger Mann. — Nachmittags waren wir auf dem Rhein; und wie der junge Doktor da stand, vorne am Schiff, hoch auf dem Deck, volljugendlicher Kraft; und wie der Wind seineLocken und seinen Mantel bewegte, da kam er mir vor wie ein Kapitän, der im Sturm mit sicherer Hand das Schiffregiert und festen Auges den Männerngebietet. Er sah unsern Rhein: Auf grünlichenFluten gleiten wir dahin; links und rechtserhebt sich die Erde. Darauf schattige Bäume und freundliche Häuser. Darüber hinausragen die Türme, und über diesen die Berge; — und über allem — der weite Himmel; und herunterstrahlt die Sonne, warm und mild.
Das Auge sieht hinauf zu diesem Himmel. Welch' ein süßes Blau! Das Auge sieht hin zu den weißenWolken, die dahin fliegen leicht und rein und in tausendverschiedenen, phantastischen Formen. — Und wieder herab senkt sich das Auge zur Flut, die so kühl und klar dahinwallet und sofriedlich. Nichts trübt, so weit das Auge reicht, die klare Flut; nichts stört denFrieden der spiegelglattenFläche. Die Sonne taucht ihre Strahlen in die Fluten, und esblinkt in den wunderbarstenFarben. — Und diewürzig Luftsauge ich ein und fühle micherquickt. — Ich schließe die Augen. Ich will nichts mehr sehen; hören nur will ich das Säuseln des Windes, das Rauschen des Wassers. O, welche Musik! Ich vergesse die Erde, vergesse alles um mich und höre — und höre — — — den Ton einer Glocke. »Zu Tisch, meine Damen und Herren,« ruft der Stewart.
Schnellen Schrittes eile ich hinab zur reichenTafel, wo Freunde warten. Das Beste der Erdebietet man mir zurSpeise und einen Wein von unserm Rhein zum Trinken, der ist, wie der Nektar der Götter — undich labe mich.Aufblickend sehe ich zur Rechten und zur Linken freundlicheDörfer und grünende Felder und blühende Gärten, Berge mitWeinlaub bedeckt. Graue Burgen stehen aufFelsen und erzählen von alten Rittern und ihren Taten. — Und die mächtigen Felsen, diestolz und hoch da stehen, sprechen von alten Zeiten, da wilde Elemente darinbrausten, als wollten sie alles mit sich reißen; aber sie, die Felsen, waren da und hatten sich dagegengestemmt mit fester Brust.
Unter allen Felsen aber raget einer hervor. Stolz erhebt er dasHaupt; denngezwungen hat er bis heute die Wogen des großen Stromes, die zu ihm kommen und dann ihren Weg verlassen und gehen, wie er ihnen vorschreibt. Alles hält er in respektvoller Ferne — und wehe dem Boote, das ihmübermütig zu nahe kommt!
Frohes Lachen und melodisches Singen tönet herab vom Deck des Dampfers. Neben mir links und neben mir rechts sitzen glückliche Menschen, die sich mit mir freuen, und in allen Augen könnt Ihr eines nur sehen: die Zufriedenheit.
Himmel und Erde, Wasser und Luft, Tiere und Menschen sind hier in Harmonie. Ist mein Brief zu lang geworden? Ich fürchte fast. Das Beste habe ich aber vergessen! Ich muß doch über unsere kleine Tochter schreiben. Jeden Tag wird sie größer und klüger und schöner und sie ist so lieb und so süß, daß wir keinen Namen finden können, gut genug für sie. Mein Gemahl nennt sie immer: »Du kleiner, süßer Engel,« und wenn ich sie so rufe, hört sie. Mein einziges Gebet ist früh und spät, daß der liebe Gott sie uns erhalten möge. Nun will ich aber meinen Brief beenden. Herzliche Grüße von meinem Gatten und mir an Euch und alle Freunde, und viele, viele Grüße an das schöne Land Amerika.
Eure treue Freundin
Clara Stellen.«