Bella: Das tut sie auch, Martha — siehst Du, hier beginnt der deutsche Teil, und so hübsch schreibt sie, ich habe ihn schon zwei mal ganz alleine für mich gelesen und ich möchte ihn wieder und wieder hören. Ach, bitte, süßes Gretchen, lies ihn doch einmal laut vor, ich weiß, Martha, es wird Dir viel Vergnügen machen, alles zu hören, was meine liebe, gute Schwester Anna schreibt. Willst Du, Gretchen, ja?
Gretchen: Gewiß, Bella, gerne; wo soll ich beginnen?
Bella: Hier, siehst Du?
Gretchen: Also .... Entschuldige mich, teure Bella, daß ich meinen Brief auf englisch begonnen habe; ich schreibe jetzt so gerne englisch und höre es so gerne. Wenn ich auf der Straße gehe und höre hinter mir englisch sprechen, dann beginnt mein Herz so laut zu pochen, und ich muß mich umsehen und möchte jeden umarmen, aus dessen Munde ich den trauten Ton der englischen Sprachevernehme, — ich habeHeimweh.
Ach, Schwester, das Heimweh ist eine traurige Krankheit! Das Herz tut einem so weh, daß man glaubt, es müsse brechen, und die Menschen scheinen uns alle so kalt, so herzlos zu sein, und man möchte immer allein sein und immer weinen. — Auch fürchtet man immer, man würde Vater und Mutter und Schwester und Freunde niemals wiedersehen, und allerlei traurige Gedanken kommen; — aber warum habt Ihr mich auch so lieb, daß ich immer an Euch denken muß! — Des Nachts träume ich oft, ich sei wieder bei Euch daheim, und alles wäre wieder wie früher; dann ist alles so schön, und ich bin so glücklich. Aber wenn ich dann aufwache, und die fremdenWände sehe, dann muß ich weinen.
Ich habe heute einen neuen Hut; unsere liebe, teure Freundin hat ihn selbstangefertigt: Blaues Band und eine große weiße Feder aus Paris; ich sehe immer in den Spiegel und freue mich und denke: Was würde wohl Bella von meinem Hute sagen? — Ich bekomme auch ein neues Kleid von blauer Seide; blaue Seide, weißt Du, habe ich so gern.
Was hier nun weiter folgt, liebe Bella, habe ich zusammen mit Frau Dr. Stellen geschrieben; und Du mußt erraten, welche Teile von meiner Freundin und welche von mir kommen. Ob das wohl schwer zu erraten ist?
(Aus meinem Tage-Buche. Seite 37.)
3 Uhr 35 Minuten morgens.
Das war eine lange, lange Fahrt! Ich bin froh, daß unser Hotel so nahe beimBahnhofe ist. Mein Zimmer ist freundlich und bereits hell vom Lichte des kommenden Tages; ich öffne das Fenster und trinke die frische, wohlthätige Morgen-Luft. Ein langer Streifen, rot wie köstliches Gold, zieht sich am fernen Horizont entlang, und prächtiger und immer prächtiger wird der Farben-Glanz, bis sie selbst erscheint — die Sonne in ihrer vollen, majestätischen Schönheit. — Gewiß, so schön mag sie gewesen sein am ersten Tage der Schöpfung.