Gretchen: Schießen Ihre Herren Brüder so gut, wie Sie?
Louis: O ja; oft besser. Albert nimmt einen Silber-Dollar aus der Westen-Tasche und wirft ihn mit der linken Hand in die Luft; mit der rechten Hand schießt er dann sein Pistol ab und trifft den Dollar. — Sagen Sie, Fräulein Bella, haben Sie schon Münchhausens Jagd-Abenteuer gelesen? Nein? Nun, meine Damen, dann will ich Ihnen etwas erzählen, das Ihnen gefallen soll.
Der Baron von Münchhausen war einmal auf der Jagd. Da kam einHirsch durch den Wald gerannt. Schnell nahm der Baron die Flinte von der Schulter. Aber — o weh! — er hatte keine Kugel mehr. Da nahm er vom Boden einen Kirschen-Stein auf, steckte ihn in die Flinte,zielte,drückte ab und traf das Tier mitten auf den Kopf zwischen das schöneGeweih. Der Hirsch fiel, stand aber im nächsten Momente wieder auf den Beinen und war auf und davon gerannt.
Ein Jahr später kam Baron von Münchhausen wieder in den Wald und sah wieder denselben Hirsch und auf dem Kopfe zwischen dem Geweihe war ein großer Baum mit reifen Kirschen. Dieser Baum war aus dem Kirschen-Steingewachsen. Dieses Mal aber hatte Herr v. Münchhausen Kugeln; er schoß und der Hirsch fiel tot zu Boden. Da hatte der Baron einen feinen Braten und Kirschen zum Dessert. War das nicht schön, meine Damen?
Gretchen: O, das war reizend!
Louis: Das ist alles noch nichts. Das Beste kommt noch; hören Sie nur:
Einmal war der Baron nach Rußland geritten auf seinem Pferde; der Winter war sehr streng und es schneite sehr stark. An einem Tage war er schon lange geritten und daher müde geworden, aber er sah kein Haus, undes schneite, als ob alles vom Himmel herunter wollte. Zuletzt konnte er nicht weiter; er war zu sehr ermüdet, und es war schon lange Nacht. Da band er sein Pferd an einenPfahl, hüllte sich in seinen Mantel, legte sich auf den Schnee und schlief ein.
Am nächsten Morgen, als er wieder erwachte, war er sehr verwundert; denn rings umher sah er Grab-Steine, und er hatte sie doch nicht am Abend gesehen! Er war aus einem Kirch-Hofe. Wo aber war denn sein Pferd? —Er hörte es über sich wiehern; und als er aufblickte, sah er es hängen an der Spitze des Kirch-Turmes.
Nun war alles klar: Gestern hatte es so viel geschneit, daß der Schnee bis über die Häuser und bis über die Turm-Spitze gekommen war, und was er für einen Pfahl angesehen hatte, das war das obere Ende des Kirch-Turmes. Nach Mitternacht war dann der Schnee geschmolzen; der Baron selbst warallmählich herabgesunken, bis er zuletzt auf dem Kirch-Hofe ruhte. Das Pferd aber hing nun noch oben. Da nahm er sein Pistol, zielte und schoß mitten durch den Halfter. Das Pferd kam herunter, der Baron setzte sich darauf und ritt fröhlich weiter.
Bella: Ist das alles wahr, was Sie da sagen, Herr Louis?