Bald darauf wurde wieder des Herzogs Geburts-Tag gefeiert, und die Gäste waren von weit und breit gekommen; und da war großesGedränge; Gäste zu Wagen und zu Pferde kamen und gingen.
In derselben Nacht fuhr langsam ein Wagen zum Thore hinaus, darin saßen zwei Männer, tief in ihre Mäntel gehüllt. Die Nacht war finster, kein Stern stand am Himmel, und die Beiden im Wagen saßen lautlos da. Nur einmal, als der Wagen die Soldaten am Thore passierte, atmeten sie laut und frei, und dann fuhr der Wagen schnell, und zuweilen konnte man einen Seufzer und die Worte hören: Meine arme, arme Mutter!
Früh am nächsten Morgen hielt der Wagen in Mannheim, und ein schlanker, hoher Mensch sprang herab, — es war Schiller, der den Händen des Tyrannen entflohen war; er war in einem andern Lande, — er war frei. An seine Schwester schrieb er damals so:
»6. November 1782.
Teuerste Schwester!
Gestern Abend erhielt ich deinen lieben Brief und ich eile, dich aus deinen und unserer besten Eltern Besorgnissen über mein Schicksal zu reißen.
Daß meine völlige Trennung vonVaterland und Familie nunmehr entschieden ist, würde mir sehr schmerzhaft sein, wenn ich sie nicht erwartet und selbstbefördert hätte, wenn ich sie nicht als die notwendigste Führung des Himmels betrachten müßte, welche mich in meinemVaterlande nicht glücklich machen wollte. Auch der Himmel ist es, dem wir die Zukunft anvertrauen, von dem ihr und ich, gottlob nur allein, abhängig seid; und Ihm übergebe ich euch, meine Teuern; Er erhalte euch fest und stark, meine Schicksale erleben und mein Glück mit der Zeit mit mir teilen zu können. Losgerissen aus euren Armen, weiß ich keine bessere, keinezuverlässigere Niederlage meines teuersten Schatzes, als Gott. Von Seinen Händen will ich euch wieder empfangen und — das sei die letzte Thräne, die hier fällt!..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... ..... Noch einmal, meine innig geliebte Schwester, vertraue auf Gott, der auch der Gott deines fernen Bruders ist, dem dreihundert Meilen eineSpanne breit sind, wenn Er uns wieder zusammen gebracht haben will. Grüße unsern besten, allerteuersten Vater und unsere herzlich geliebte, gute Mutter, meine liebe, redliche Louise und unsere kleine gute Nanette. Wenn mein Segen Kraft hat, so wird Gott mit euch sein. Ein inneres, starkes Gefühl spricht laut in meinem Herzen: Ich sehe euch wieder. — Vertraue auf Gott! Es wird kein Haar von uns allen auf die Erde fallen.
Ich werde zu weich, Schwester, und schließe. Wenn du die Wolzogen sprichst, so mache ihr tausend Empfehlungen ....... Ich kann nicht weiter schreiben. Du schreibst mir, wie bisher, über Mannheim.
Ewig dein treuer, zärtlicher Bruder
Friedrich Schiller.«
So schrieb er an seine älteste Schwester, und Ihr werdet wohl gemerkt haben, daß er in Mannheim nicht mehr war. Die Verfolgung des Herzogs fürchtend, war er bald weiter geflüchtet, wohin aber, das wußten nur wenige.
Schiller war verschwunden, sein Name wurde nun lange nicht mehr gehört; — aber auf einem Land-Gute der Frau von Wolzogen sah man jetzt zuweilen einen schlanken Mann durch Feld und Wald gehen, langsam, mit gesenktem Haupte, oft wie träumend. Und wenn die Leute ihn so sahen, so meinten die einen, er müsse viel denken; andere meinten, er müsse wohl große Sorgen haben — alle aber zogen voll Achtung den Hut vor ihm ab.