Louis: Wie ist es unserm Schiller weiter ergangen, Fräulein Martha?
Martha Meister: Er war Professor geworden an der Universität zu Jena, und seine Vorlesungen über Geschichte waren so beliebt, daß Studenten von vielen anderen Universitäten kamen, um ihn zu hören. Und das war auch gar nicht zu verwundern; denn Schiller gab seine Vorlesungen ganz anders und viel besser als die anderen Professoren der Geschichte und wie er schon Großesgeleistet hatte in der deutschen Poesie, so tat er es jetzt in der Geschichte.
Auch in seiner Familie war er glücklich. Er hatte ein treues, liebes Weib und viele Freunde; — doch den teuersten von allen sollte er später finden.
Da waren eines Abends zu einer gelehrten Gesellschaft viele Professoren gekommen, unter diesen auchGoethe[V-5]. Als die Sitzung zu Ende war, begleitete er Schiller. Sie sprachen lebhaft zusammen und gewiß über etwas, was von hohem Interesse für beide war. DennGoethe[V-6] war sehr erstaunt, als er mit einem Male vor Schillers[V-7]Wohnung stand; aber er ging mit Schiller hinein, und dort sprachen sie weiter, und es war schon spät, als sie sich trennten.
In dieser Nacht geschah es, daßGoethe[V-8] und Schiller Freunde wurden für das ganze Leben.
Goethe[V-9] wohnte in Weimar, und bald zog nun auch Schiller dahin, um ganz der Poesie zu leben; und hier erstanden in der Freundschaft dieser beiden großen Männer diejenigen Werke, welche Deutschland zu seinen besten zählt. Hier schrieb Schiller das große Drama »Wallenstein«, auch »Maria Stuart« und »Die Braut von Messina«, sowie »Die Jungfrau von Orleans« und dann die wunderschönen Balladen.
Als Schiller im Jahre 1798 nach langer Zeit wieder einmal nach Leipzig gekommen war, spielte man dem Dichter zu Ehren im Theater »Die Jungfrau von Orleans«.
Auch der Poet war gegenwärtig, und als das Drama beendet war und er das Theater verlassen und auf die Straße treten wollte, hatten sich viele tausend Menschen vor dem Hause aufgestellt. In tiefster Ehrfurcht trennte sich dieMenge und ließ den Poeten durch die Mitte gehen, und auf beiden Seiten beugten sich alle mit entblößtem Haupte vor ihm. Die Mütter hatten ihre Kinder gebracht und in die Höhe gehoben und ihnen zugeflüstert: Seht, seht, das ist er! — War das nicht ein herrlicher Triumph für den Dichter?
Einst hatte er in jungen Jahren von Dichter-Ruhm und von Unsterblichkeit geträumt und in seinen reiferen Jahren sah erRuhm und Unsterblichkeit, und die Bewunderung von Mit- und Nachwelt waren ihm reichlich zu teil, aber im Ringen des Geistes war dieHüllezerbrechlich geworden.
Der Poet war schwach und krank und sein Ende sah er eilends nahen. Ach, so vieles hätte er noch gerne sagen mögen von dem, was ihm die große edle Seele füllte, und da schrieb er sein letztes, sein lieblichstes von allen seinen Werken »Wilhelm Tell«.