Dr. Albert: Wohl, dann will ich's wagen!
Ehe ich vor mehreren Jahren nach Deutschland reiste, hatte ich oft gehört, daß unsereEisenbahnen viel besser wären, als diejenigen in Europa; und als ich nun nach meiner Ankunft in Deutschland abends spät in Hamburg in denEisenbahn-Zug einstieg, um nach Hannover zu fahren, fand ich es wirklich so. Da war ich zum ersten Mal in einemCoupé[VI-1]. Die Sitze an sich waren allerdings sehr bequem, allein das Coupé war rechteng, und man hatte weder genügend Luft noch Licht und gar keine Freiheit der Bewegung. Man kann nicht, wie bei uns, von einem Wagen zum andern gehen, man hat nicht einmal Verbindung mit den Coupés[VI-2] desselben Wagens. Ich fühlte mich beengt. Wie unangenehm, dachte ich, muß es doch sein, wenn man in solch' kleinem Raume mit Reisenden zusammentrifft, welche uns nicht behagen, oder wie gefährlich könnte es werden, wenn man nachts allein mitunredlich Menschen reisen müßte. Dabei fahren die deutschenEisenbahnen bei weitem nicht so schnell, wie die unsrigen.
Mehrere Stunden mochte ich wohl gefahren sein, als derSchaffner rief: »Aussteigen! DieserZug bleibt hier liegen, der nächste Zug nach Hannover kommt in einer Stunde.« — Ich stieg aus und ging in denWartesaal. Es war eine Stunde nach Mitternacht und es war kühl. In dem hohen Zimmer, das vom Tabacks-Rauche schwarz gefärbt und darum düster war, brannte ein kleines Licht; ich war sehr müde und schlief bald auf einem Stuhle. Einheftiges Schütteln erweckte mich; ein Mann hatte mich an beiden Schultern gefaßt und schrie mit Donner-Stimme mir ins Ohr: »Einsteigen nach Hannover.« Es war zwei Uhr. — Murrend über die rauhe Störung und noch halb schlafend, ergriff ich hastig mein Gepäck und eilte hinaus. Kaum erreichte ich meine Coupé, so brauste der Zug schon weiter. Ich sah mich um, — war ich allein? ha — in der einen Ecke saß ein Mann mit einem großen breiten Hute und blickte mich schrecklich an, so daß ichunwillkürlich nach meiner Pistolen-Tasche griff. Ebenso schnell war derKerl in der Ecke aufgesprungen, hielt mir einen Revolver entgegen und schrie: Was wollen Sie? — Was wollen Sie? rief ich. — Ich will nichts, wohl aber Sie. — O, ich will auch nichts. — Warum griffen Sie nach Ihrem Pistol? — Weil Sie nach dem Ihrigen griffen und mich anstarren,lüstern wie ein Räuber.
Ich — ein Räuber! rief er und lachte dabei so herzlich, daß ich nunvölligmunter wurde und mich wahrhaft schämte. Betrachten Sie mich ordentlich, guter Freund; sehe ich aus wie ein Räuber, sagte er und dabei nahm er seinen Hut vom Kopfe und zeigte ein sonnenverbranntes Gesicht. DieZüge desselben waren regelmäßig. Die Stirne war hoch und der Kopf höchst charakteristisch; wahrhaft schön aber waren die großen Augen. Ich bat ihn, mir meinen Irrtum zu vergeben. Bitte sehr, bitte, mein Herr, sagte er in melodischer, freundlicher Stimme; Sie sind ein Fremder, wie ich an Ihrer Sprache höre und tun sehr wohl daran, vorsichtig zu sein. — Wir reichten einander die Hände, setzten uns nieder und hatten bald die interessanteste Unterhaltung in englischer Sprache. Er sprach das Englische so rein und so fließend, daß es mir selber nicht klar wurde, welches von beiden Ländern seine Heimat wäre, ob England oder ob Deutschland. Er erzählte gerne und gut von seinen großen Reisen, er sagte mir, daß er gerade jetzt von einer Reise um die Welt nach dem Eltern-Hause in Berlin zurückkehre, und ich bemerkte ihm dann auch, daß ich selbst nach Berlin reisen wollte, um dort zu studieren. Ich erzählte ihm von meiner Familie und von meinen Absichten, und da die Sonne herauf kam, waren wir beide erstaunt, daß die Nacht so schnell vergangen war. Dieses war meine erste Nacht auf deutschem Boden, und dieses war meine erste Begegnung mit meinem Freunde.
Gretchen: Und ist das derselbe Freund, welchen Sie jetzt hier erwarten?
Dr. Albert: Derselbe, mein Fräulein.
Martha Parks: Armer Mensch! Er ist gar nicht glücklich, nicht wahr, Albert?
Bella: Aber was ist denn Ihrem Freunde Böses widerfahren, Herr Doktor?
Dr. Albert: Das ist eine traurige Geschichte. Sie sollen sie hören, vielleicht werden Sie dann weniger, als andere, seine Zurückhaltung mißdeuten.
Mein Freund ist kein geborner Deutscher. Sein Vater hatte in der Jugend Deutschland verlassen und war nach vielen Reisen zuletzt in Indien geblieben. Er gründete ein bedeutendes Handels-Haus, und seine Schiffe brachten die Schätze des Landes in alle Teile der Welt. Man hielt ihn für den reichsten unter den dortigen Handels-Herren. Seine Gattin war eine Engländerin, und da er im Osten seinem einzigen Sohne nicht die erwünschteErziehung geben konnte, so kehrte er mit seiner Familie nach der Heimat zurück, wo er in Berlin sich einen fürstlichen Palast erbaute. Sein Sohn hatte dann das Gymnasium mit gutem Erfolge absolviert und war gerade zur Universität gegangen, als der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrach. Deutschlands Jugend eilte mit Begeisterung zu den Waffen, und auch mein Freund Heinrich stand nicht zurück. In den Schlachten war er der erste und hatte sich durch Tapferkeit und Mut derartig vor anderen hervorgetan, daß man ihn nicht allein mitdem eisernen Kreuze schmückte, sondern ihn auch zum Range eines Offiziers beförderte. Bei allen seinen Kameraden war er beliebt, und alle freuten sich über seineAuszeichnung. Er selbst war stets der fröhlichste von allen, vollLebenslust und Witz, nie ermüdet und voll Vertrauen auf sein gutes Glück. Dies machte ihn zukühn. In der Schlacht bei Gravelotte war er unter den Mutigsten der erste; vorwärts drang er, immer vorwärts, von Position zu Position; und er führte seine Kompagnie im Sturm-Schritte voran und schwang hoch und siegestrunken dieerbeutete Fahne, da sank er, von einer Kugel getroffen, bewußtlos zu Boden.