Als er wieder zum Bewußtsein gekommen war, sah er sich verwundert um. Er war in einem fremden Zimmer auf einem bequemenLager. Kameraden hatten ihn nach dem nahen Schlosse eines französischen Nobelmannes gebracht, und die Tochter des Hauses pflegte ihn unter Aufsicht des Arztes. Seine Verwundung war schwer; manzweifelte an seiner Errettung, er selbst aber sprach lebhaft in seinen Fieber-Phantasien von den Augen eines Engels, die schützend über ihm wachten. Und wirklich schien es so; denn was die Ärzte kaum zu hoffen gewagt hatten, das geschah — ergenas. Und als er nach vielen Wochen endlich wieder zum ersten Male am Arme seiner treuen Pflegerin einen Gang in den Garten machen konnte, da war er wirklich zu neuem Leben erstanden. Glücklicher war er nie zuvor in seinem Leben gewesen und dankbar blickte er auf zu ihr — zu seiner Retterin. Sie verstand seinen stummen Blick. Kein Wort wurde gesprochen, nur die Vögel in den Büschen sangen lieblich. Ah, wie herrlich erschien beiden die Welt. — Schnell schritt seine Genesung nun vorwärts und nicht lange nachher erhielt er dieWeisung, in seine Heimat zurückzukehren. Zuvor jedoch hatte er beim Herrn des Schlosses um die Hand der Tochter gebeten, und das war mit ihrer Erlaubnis geschehen. Allein des Vaters höfliche, aber entschiedene Worte lauteten so:

»Mein Herr, Sie haben gegen meinVaterland das Schwert geführt. Zu meinem größten Bedauern muß ich es aussprechen, daß dieser unglückliche Umstand eine nähere Verbindung mit meiner Familie unmöglich macht.« —

Mein Freund reiste nach seiner Heimat. Unaussprechlich war die Freude seiner Eltern über ihren geretteten Sohn. Ah — sie wußten nur von der einen Wunde, welche nun geheilt war, die andere, die schmerzlichere, die vom Pfeile Amors, konnten sie nicht sehen. — Gerne gaben sie ihrem Sohne die Erlaubnis, auf Reisen zu gehen. Unter fremdem Himmel, unter fremden Menschen hoffte er das Vergangene vergessen zu können. Sein Kämpfen war vergebens, — da eilte er endlich nach vielen, vielenMonden zurück in die Heimat derjenigen, um deren willen er so litt. Er erreichte die Stadt. Vom Turme läuteten die Glocken, und viele Menschen gingen zur Kirche. Auch er trat ein, nochzeitig genug, um die letzten Segens-Worte zu hören, welche der Priester über ein neuvermähltes Paar aussprach; und dann verließ das Braut-Paar die Kirche. Der Bräutigam war ein Offizier der französischen Armee und mit triumphierendem Blicke führte er an seinem Arme die schöne Braut. Aus ihren Augen aber rollten große Thränen. Waren es Freuden-Thränen? Dem Braut-Paare aber folgte ernsten Schrittes ihr Vater. Es war jener Nobelmann und er hatte nun seinen Willen durchgesetzt. Von diesem Tage an wurde mein Freund ernst und schweigsam. Er begann ein Leben voll rastloser Thätigkeit, machte eine Reise um die Welt, beobachtete die Menschen aller Länder, kam zurück, studierte weiter in Berlin und drang tief in alle Gebiete des Wissens ein. Er besitzt alles, was viele andere Menschen zufrieden und glücklich machen würde, allein er selbst ist es nicht. Wie oft habe ich ihn getröstet und ermuntert, wie oft ihmVorwürfe gemacht; dann aber pflegte er zu sagen: Mein Lieber, ich habe lange und schwer gerungen, diese Schwäche zu überwinden, bis heute ist es mir nicht gelungen, ihrer Herr zu werden, und Gott allein weiß, ob ich dieses jemals erreichen werde. Mein Leben ist wie eine Landschaft zur Nacht-Zeit; auf Bergen und Hügeln und Flüssen und Seen und Fluren ruht dasmatte Licht des Mondes — wie ganz anders wäre doch alles im heiternSonnenscheine. Es ist der Sonnen-Schein, der auch meinem Leben fehlt.

Bella: Und dieser Freund, sagten Sie, kommt jetzt zu uns hierher, Herr Doktor?

Dr. Albert: Ja, mein Fräulein, er folgt meinem Wunsche und seines Vaters Rat. Der Vater selbst war auch einmal in seiner Jugend hier gewesen.

Gretchen: Und glauben Sie nicht, Herr Doktor, daß er bei uns wieder froher werden dürfte?

Dr. Albert: Ah, mein liebes Fräulein, wenn das möglich wäre!

Gretchen: Und warum sollte es unmöglich sein, trauen Sie uns so wenig zu?

Dr. Albert: Nein, es ist nicht Mißtrauen gegen Sie, alleinnach meinen Erfahrungen muß ich jene Möglichkeit bezweifeln.

Bella: O, Herr Doktor, wir können vieles, wenn wir wollen, und Gretchen kann alles, wenn sie will. Nicht wahr, Martha?