Otto: Recht gerne, mein Fräulein.

Unmittelbar nach Erschaffung des Weltalls war der Mond eben so groß und so brillant wie die Sonne. Damit aber war der Mond nicht zufrieden und sprach: Warum komme ich nicht vor der Sonne, warum muß ich ihr folgen? Und der Mondgrämte sich und wurde dadurch bleich und klein. — Sein Glanz aber war in den Welten-Raum gegangen, und dadurch waren die Sterne entstanden. Mit Schrecken gewahrte der Mond seine Veränderung und er betete. Da sandte Gott einen Engel, der sprach also zum Monde:Schuf nicht der allweise Gott dich so groß und so schön wie die Sonne? Kam dein Unglück nicht durch deine eigene Schuld? Und nun mußt du so bleiben für ewige Zeiten. Doch mildere deinen Schmerz, guter Mond, denn wenn die Menschen nach des Tages Last ermüdet sind, so wenden sie sich mit Freude von der SonneGlut zu deinem sanfteren Licht, und die Unglücklichen werden zu dir aufblicken und bei dir Trost suchen und finden, denn du selbst warst ja unglücklich und verstehst sie und fühlst mit ihnen.

Und so ist es noch heute.

Bella: Meinen besten Dank, Herr Otto; — nun aber sagen Sie mir auch, warum ist das Wort »Mond« ein Masculinum? Sie sagten immer »der Mond«.

Otto: Das weiß ich wirklich nicht, Fräulein Bella; weißt Du es, Albert?

Dr. Albert: Darüber habe ich noch niemals nachgedacht.

Bella: Soll ich es Ihnen sagen? Nun, der Mond muß ja ein Masculinum sein — denn er geht nachts alleine aus. Nicht lachen, meine Freunde, still sein; Otto, noch eine Parabel, ich bitte schön.

Otto: Einmal waren die Menschen recht schlecht auf Erden, da sandte Gott ein großes Wasser — dieSündflut, und alle Menschenkamen um, nur Noah nicht und seine Familie; sie wohnten in der Arche. Und als sie eine lange Zeit darin verbracht hatten, sandte Noah einen Raben aus, damit er sehe, ob die Wasser von der Erde verschwunden seien.

Bella: Entschuldigen Sie mich, Herr Otto, war es nicht eine Taube, welche er ausschickte?[VI-3]

Otto: Später sandte er eine Taube, denn der Rabe war nicht wieder gekommen; er hatte nämlich auf Erden so viel Leichnam gefunden, daß er Noah, seinen Wohlthäter, vergaß. Aber die Strafe kam bald über den Undankbaren. Auf der Erde waren noch so viele schlechteDünste, und davon wurde der Rabe, welcher früher weiß war wie Schnee, ganz schwarz. Und so ist er noch heute; und wenn der Rabe seine Jungen sieht, soschaudert er vor der Häßlichkeit und wird hart gegen sie. Und noch heute sagen wir von Eltern, welche grausam gegen ihre Kinder sind, »seht die Raben-Eltern«.