Ah — sagte der Kalif zu seinem Vezier, das ist Mansor, der Sohn meines Feindes; er zieht jetzt ein in mein Schloß als Kalif. Ich verstehe nun alles, ich weiß nun zu wohl, wer jener Kaufmann war, der mir das Pulver brachte, — es war sein Vater, derZauberer. Welch' ein Komplott! Vorwärts, Vezier, komme hinweg aus dieser Stadt, vorwärts nach Mekka! Und so schnell flog er, daß der Vezier kaum folgen konnte. Zuletzt — es war schon Abend geworden — sagte der Vezier: Ich kann nun wahrlich nicht mehr; ich sehe dort in der Ferne eine Ruine, laßt uns daselbst über Nacht verweilen.

Als sie an das alteGemäuer gekommen waren, wollte der Kalif hinein gehen, der Vezier aber hielt ihn am Flügel zurück und sagte: Ihr werdet doch nicht hinein gehen, wer weiß, was darin ist. Der Kalif aber war furchtlos und schritt voran; ängstlich folgte der Vezier. Erst kamen sie durch einen langen dunkelnGang und dann in einen andern, der war sehr eng. Kaum hatten sie die Mitte erreicht, so vernahmen sie ganz deutlich vom andern Ende ein leises Wimmern. Sie hielten an und zitternd flüsterte der Vezier: Ich flehe, laßt uns zurück; hier sindGespenster. Der Kalif aber ging weiter und so auch der Vezier. Am Ende des Ganges war ein kleines Zimmer, nur wenig Licht fiel durch die engen Spalten der Mauer. Hier war das Wimmern deutlich zu hören, es kam aus einer Ecke. Beide sahen dahin — zwei große schwarze Augen glänzten dort — der Vezier schauderte. Der Kalif aber sah — es war eineEule. Höchst merkwürdig, die Eule konnte sprechen: Ihr Störche seid mir ein gutes Zeichen, darum seid mir willkommen! — Wer bist du? fragte der Kalif. — Ich bin die Prinzessin von Indien. — Ein böser Zauberer war zu meinem Vater gekommen und wollte mich zum Weibe haben für seinen Sohn. Darüber wurde mein Vater sehr zornig und ließ ihn aus dem Palaste treiben. Aber als Sklave verkleidet kam er wieder, und als ich eines Tages im Garten spazieren ging und um einen Becher frischen Wassers bat, brachte er es mir. Allein er hatte ein Pulver in das Wasser getan, und da ich es trank, wurde ich in eine Eule verwandelt. Der böse Mann brachte mich dann hierher und sagte zu mir: Hier mußt du ewig weilen, es sei denn, daß du Jemanden fändest, der dich zum Weibe nehmen wollte. Die Eule schwieg, und nun erzählte der Kalif seine Geschichte. Als er zu Ende war, sagte die Eule wieder: Ich kenne ihn sehr wohl, diesen Zauberer, denn es ist derselbe, welcher mich hier gefangen hält. Wenn ihr mich erlösen wolltet, könnte ich euch wohl helfen. Da nahm der Kalif den Vezier bei dem einen Flügel, führte ihn zur Seite und begann leise mit ihm zu reden: Vezier, ihr müßt zur Eule gehen und sie bitten, daß sie eure Gemahlin werde, denn ihr habt gehört, daß sie nur auf diese Weiseerlöst werden kann und uns helfen will. — Nein, o nein, sagte der Vezier, das geht nicht an — eine Eule zur Frau! — o! — außerdem habe ich ja schon eine zu Hause; was würde die mit mir tun, wenn ich eine andere Frau nach Hause brächte, — es ist viel besser, ihr heiratet sie selbst, denn ihr habt ja doch noch kein Weib. — Dem Kalifen war es nicht lieb — aber was konnte er tun? Er wollte doch kein Storch bleiben! Er ging daher zurück zur Eule, verbeugte sich tief und sprach: Schöne Prinzessin, ich, der Kalif von Bagdad, komme zu euch und bitte um eure Hand, gewährt sie mir und werdet mein Weib. — Und beschämt schlug sie die Augen nieder, kamzögernd aus der Ecke hervor und sagte leise: Ja; und dann fiel der Kalif nieder vor ihr auf die Kniee. Die Eule war sehr glücklich und sie lächelte lieblich und sprach: Jeden Monat kommen die Zauberer des Landes einmal in diesem alten Schlosse zusammen und halten ein großes Mahl und erzählen dann, was sie getan haben. Auch heute Abend kommen sie hierher; vielleicht vernehmen wir dann das Wort von dem bösen, bösen Manne. Folgt mir, ihr Herren Störche, ich führe euch jetzt zum Platze. Sie schritt voran, die beiden Störche folgten. Es ging durch viele Thüren und Zimmer und schmale Gänge. Zuletzt blieb sie vor einer Pforte stehen. Durch eineSpalte konnte man in eine große Halle sehen, in welcher viele Lichter brannten. An einer langen Tafel saßen viele alte Männer mit langen, grauen Bärten, vor sich hatten sie hoheBecher mit Wein stehen und sie tranken viel, — am andern Ende saß derselbe Alte, welcher ihnen das Pulver mit dem Manuskripte gegeben hatte. Die drei warteten lange und lauschten und sie hörten alles, was gesprochen wurde. Da stand zuletzt jener alte Krämer auf und erzählte laut lachend, wie er den Kalifen in einen Storch verwandelt habe. Alle fragten ihn darauf: Welches Wort hast du ihm denn gegeben? Mutabor, sagte er. Als der Kalif dieses hörte, sprang er schnell zurück, aus der Ruine. Die Sonne erschien gerade am östlichen Himmel, da bückte er sich dreimal und sprach mit lauter Stimme: Mutabor, und so tat auch der Großvezier, und wirklich! sie wurden wieder zu Menschen.

Kalif und Vezier umarmten sich lange und herzlich vor großer Freude, und als sie sich endlich von einander los machten, sahen sie bei sich stehen eine holdeJungfrau, so schön sie noch keine gesehen hatten. Ich bin die Prinzessin von Indien, sagte sie. — Meine geliebte Braut, rief der Kalif; und alle kamen wieder nach Bagdad, und das Volk war glücklich, daß sein Kalif wieder da war.

So, nun bin ich zu Ende. — Nun, geliebtes Schwesterchen, wie gefällt Dir diese Philosophie?

Martha Parks: Das ist sehr schön, lieber Bruder Louis. Hast Du dieses alles selbst gedacht, als Du so ruhig hier saßest?

Louis: O nein, Martha, das habe ich nicht, ich habe es in einem Buche aus Alberts Bibliothek gelesen.

Dr. Albert: »Märchen von Hauff« — nicht wahr, Louis?

Louis: Ganz recht, »Märchen von Hauff«, das ist der Titel des Buches. Es sind noch viele andere schöne Geschichten darin, die sollten Sie lesen, Fräulein Bella.

Bella: Das möchte ich wohl, aber da sind so viele kleine Silben im Deutschen, die machen das Lesen für mich so schwierig.

Dr. Albert: Ich weiß schon, mein Fräulein, was Sie meinen. Nun, wenn Sie mir erlauben, so werde ich Ihnenin Kürze vielleicht einigeAufklärung darüber geben können. — Was wollen Sie sagen, mein Fräulein?