Louis: Ich bereite mich vor auf die Ankunft Deines Freundes.

Dr. Albert: Ei! Wie machst Du denn das?

Louis: Ich studiere deutsche Philosophie. —

Dr. Albert: Du — — Philosophie? —

Martha Parks: Das ist wohl sehr schwer, Louis, nicht wahr?

Louis: Sehr schwer, Schwester. — Das Schwierigste habe ich heute studiert; gerade bevor ich hierher kam, da las ich dieses:

In Bagdad war einmal ein weiser und guter Kalif. Am besten aber war er immer, wenn er nach Mittag seinSchläfchen gehalten hatte, seine Tasse Mokka trank und seine lange Pfeife rauchte. Darum kam auch sein Großvezier immer um diese Zeit zu ihm; und als derselbe eines Nachmittags mit ernstem Gesichte eintrat, fragte ihn der Kalif: Großvezier, warum hast du denn heute Falten auf der Stirn? O, sagte der Vezier, als ich soeben in den Palast gehen wollte, sah ich vor der Pforte einenKrämer mit den schönsten Sachen stehen; zu gerne hätte ich manches für meine Gemahlin gekauft — allein mir fehlt es an Geld. — Gehe und bringe ihn herauf zu mir. — Der Großvezier ging und bald stand der Krämer vor dem Kalifen, der für sich selbst und den Vezier ein Paar schöner Pistolen kaufte und für dessen Gemahlin die feinstenKämme vonElfenbein und die kostbarsten Ringe undArmbänder. Gerade wollte der Krämer seinen Kasten schließen, da bemerkte der Kalif in der einen Ecke noch ein Kästchen und fragte den Krämer, was er darin zu verkaufen habe. Ei, sagte der Krämergeheimnisvoll, in diesem Kästchen ist ein wunderbares Pulver, ich habe es von einem andern Kaufmann erhalten, der es nebst einer Schrift selbst auf der Straße zu Mekka gefunden hat. Aber da ist niemand, welcher die Schrift lesen kann, denn es ist die einer ausländischen Sprache; ich will euch beides, Pulver nebst Schrift, zu den gekauften Waren überlassen. Und er gab beides dem Kalifen und ging. Dieser sah in die Schrift und wunderte sich, denn dieselbe war völlig verschieden von der arabischen, und er wurde sehr begierig zu wissen, was die Schrift enthalte. Da sagte der Vezier: Am Ende der Stadt, nicht weit von der Moschee, wohnt ein Mann namens Selim, die Leute nennen ihn den gelehrten Selim, denn er versteht alle Sprachen der Welt und gewiß auch diese; wenn ihr befehlt, so gehe ich und rufe ihn. Thue das, sprach der Kalif; und der Vezier ging und kam bald mit dem Gelehrten zurück. Der Kalif sagte zu ihm: Die Leute nennen dich den gelehrten Selim, zeige mir nun, daß du den Titel verdienst. Kannst du diese Schrift mir lesen, so werde ich dich reichlich belohnen; kannst du es nicht, so lasse ich dir fünf und zwanzig auf die Sohlen geben. Selim nahm die Schrift in die Hand und sagte dann nach einer Weile: Wahrlich, das ist Lateinisch und heißt im Arabischen so: Mensch, der du dieses hörest, preise Allah. So du von diesem Pulver nimmst und schnupfest und dich dreimal nach Osten beugest und das Wort mutabor sprichst, kannst du dich verwandeln in die Form eines jeden Tieres, das du siehst, und kannst auch dessen Sprache verstehen; dochmußt du dich hüten zu lachen, sonst wirst du das Wort vergessen, das notwendig ist, um wieder Mensch zu werden. — Als der Kalif dieses hörte, beschenkte er den Gelehrten reichlich, gebot ihm tiefes Schweigen und hieß ihn gehen.

Am nächsten Morgen früh war der Kalif mit seinem Vezier in dem großen Garten des Palastes, aber da sie kein Tier sahen, so gingen sie weiter und kamen in das Feld an einenTeich. Da machten sie Halt, denn aus dem Wasser kam soeben ein Storch und bald flog ein anderer zu ihm aus der Luft, und sie hoben die langenSchnäbel und sahen sich an und bald machte der eine und dann wieder der andere klapp, klapp. — Die beiden dort führen sicherlich eineUnterhaltung, sagte der Kalif, ich möchte wohl hören, was sie zu sprechen haben, gieb mir doch von dem Pulver. Der Vezier nahm dieSchachtel mit dem Pulver aus der Tasche. Nimm du zuerst, Vezier, ich will doch sehen, wie die Sache wird. Der Vezier nahm darauf von dem Pulver, schnupfte es, sagte mutabor und bückte sich drei Mal gegen Osten, und da wurde seine Nase so lang wie der Schnabel eines Storches, sein Bart und seine Haare wurden zu Federn, seine Arme wurden zu Flügeln und seine Beine lang unddürr wie Storch-Beine. Verwundert rief da der Kalif: Vezier, ihr seid wahrhaftig ein ganzer Storch, wie drollig ihr ausseht, nein, so etwas sah ich im Leben noch nicht. Nun gebet mir schnell von dem Pulver. Und der Kalif nahm auch von dem Pulver, sagte auch das Wort mutabor, bückte sich ebenfalls dreimal gegen Osten und siehe, auch er war nun ein Storch. Beide horchten und verstanden die folgende Unterhaltung. Der erste Storch, welcher aus dem Teiche gestiegen war, hatte zum andern zu sprechen begonnen: Guten Morgen, Fräulein Nichte! — Guten Morgen, Frau Tante. — Haben Sie gut geschlafen? — Danke, so, so. — Wollen Sie heute MorgenFrühstück mit mir nehmen? — Ach nein, ich danke, habe gar keinen Appetit, meine Mama hat heute Abend große Gesellschaft, da soll ich vor den Gästen Solo tanzen und da kam ich soeben hierher, um noch ein wenig zuüben. Entschuldigen Sie gütigst, Frau Tante. — Darauf ging der Storch gravitätisch auf- und abwärts, drehte sich links und drehte sich rechts und bewegte die Flügel hin und her. Das alles war aber so außerordentlich komisch, daß der Kalif laut zu lachen begann und Kalif und Vezier lachten so lange, bis der letztere endlich sagte: O,[VI-4] o, nun aber kann ich wirklich nicht mehr. Die Störche hatten sich verwundert umgeschaut und waren erschreckt davon geflogen.

Plötzlich aber sagte der Kalif: Vezier, wir sollten ja nicht lachen — Vezier, welches ist doch das Wort? Mu—mu— machte der Vezier, mehr konnte er nicht hervorbringen und auch der Kalif hatte das Wort vergessen. Sie bückten sich wohl tausendmal gegen Osten — aber das half nichts, sie blieben Störche.

Das aber war doch recht traurig, denn als Storch wollte der Kalif nicht zurück gehen in die Stadt; und sie sannen hin und her, was wohl am besten zu tun sei. Da kamen sie zuletzt auf die Idee, nach Mekka zu fliegen zum Grabe des Propheten; dort wollten sie um Hülfe bitten. — Sofort begannen beide zu fliegen, und als sie hoch in den Lüften über Bagdad schwebten, gewahrten sie auf den Straßen der Stadt ein großes Gedränge der Menschen. Viele waren zu Pferde, und ihnen voraus ritt ein junger Mann auf weißem Rosse mit prächtigen Waffen und Kleidern.