»Jetzt aber stellt sich den entsetzten Blicken
Ein unerwartet, schrecklichSchauspiel dar.
Es stand, denOpferfarren zuzerstücken,
Laokoon am festlichen Altar.
Da kam (mir bebt die Zung', esauszudrücken )
Von Tenedos ein gräßlichSchlangenpaar,
Den Schweif gerollt in fürchterlichem Bogen,
Dahergeschwommen auf den stillen Wogen.
Die Brüste steigen aus demWellenbade,
Hoch aus dem Wasser steigt der Kämme blut'ge Glut
Und nachgeschleift in ungeheurem Rade
Netzt sich der lange Rücken in der Flut,
Laut rauschend schäumt es unter ihrem Pfade,
Im blut'gen Auge flammt des HungersWut,
AmRachenwetzen zischend sich die Zungen,
So kommen sie ans Land gesprungen.
Der bloße Anblick bleicht schon alle Wangen,
Und auseinander flieht diefurchtentseelteSchar;
Der pfeilgerade Schuß der Schlangen
Erwählt sich nur den Priester am Altar.
Der Knaben zitternd Paar sieht man sie schnell umwinden,
Den ersten Hunger stillt der Söhne Blut;
Der Unglückseligen Gebeine schwinden
Dahin von ihresBisses Wut.
ZumBeistand schwingt der Vater seinGeschoß;
Doch in dem Augenblick ergreifen
Die Ungeheu'r ihn selbst, er steht bewegungslos,
Geklemmt von ihres Leibes Reifen;
Zwei Ringe sieht man sie um seinen Hals und noch
Zwei andre schnell um Brust und Hüfte stricken,
Und furchtbar überragen sie ihn doch
Mit ihren hohen Hälsen undGenicken.
Der Knoten furchtbares Gewinde
Gewaltsam zu zerreißen, strengt
Der Arme Kraft sich an; des Geifers Schaum besprengt
Und schwarzes Gift die priesterliche Binde.
Des SchmerzensHöllenqual durchdringt
Der Wolken Schooß mit berstendem Geheule,
So brüllt der Stier, wenn er, gefehlt vomBeile
Und blutend, dem Altar entspringt.«
Nochmals las Lessing die Verse des Poeten und nochmals sah er auf die Gruppe desBildhauers, — da warnirgends etwas zutadeln: beide,Bildhauer und Dichter, hatten das Schöne in bester Weise geschaffen — nur auf verschiedenem Wege — und Lessing stutzte, staunte, sann — und machte die große Entdeckung für die Kunst, daß Dichter und Maler undBildhauer nach demselben Ziele streben — die Schönheit zu schaffen, daß sie aber oft verschiedene Wegeeinschlagen müssen, diesesZiel zu erreichen.
Vielleicht, meine Freude, mögen Sie im ersten Momenteenttäuscht oder nicht im Stande sein, die hohe Bedeutung dieser Entdeckung vollständig zu begreifen, oder Sie mögen sich wundern und fragen: Hat man dieses nicht immer erkannt? — oder Sie mögen auch sagen: Was liegt daran, auf welche Art Dichter, Maler undBildhauer schaffen!
Ah, meine Verehrtesten, wie sehr ich wünsche, daß Sie michbegleiten könnten nach dem Raume, welcher den kostbarsten Schatz unter allen Bild-Werken enthält! Wenn wir eintreten, sehen wir an den Wänden entlang Männer und Frauen sitzen, welche vor uns in derselben Absicht wie wir gekommen sind. Eine heilige, glückliche Freude leuchtet aus ihren Augen; auf ihrem Angesichte ruht scheue Ehrfurcht, und sie falten die Hände und bewegen die Lippen betend — auch wir tun wie sie; und zwei Mädchen, welche lachend und leicht nach uns gekommen waren, wurden ebenfalls still und senkten bescheiden und fromm das Haupt, und alle gehen gehoben zu heiliger Höhe als bessere Wesen von dannen, denn sie sahen die Madonna von Raphael.
So, meine Freunde, wirkt ein Genius durch sein Werk. Er macht die Menschen glücklicher und besser. So wirkt auch der Bildner des Apoll von Belvedere, so auch der Schöpfer des Domes zu Cöln.
Sie waren von Gott und andern Menschen besonders begnadet, und was ihnenin Fülle zuströmte, müssen andere durch mühsames Ringen erstreben, durch schweres Studium, durch ernstes Suchen der Regeln, die zum rechten Wege führen. Winckelmann sagt: »Die Quelle und der Ursprung in der Kunst ist die Natur selbst.«