Sagte ich zuviel, meine Freunde? nein, ich glaube nicht.

Bevor ich jedoch über dieses Thema weiter spreche, muß ich Sie bekannt machen mit einem dervorzüglichsten Männer seiner Zeit, mit Johann Winckelmann. Aus dem Teile eines Briefes, der von ihm selbst an einen Freund geschrieben sein soll, können Sie einiges aus seinem Leben hören:

»Du verlangst meineLebensgeschichte zu wissen, und diese ist sehr kurz, weil ich dieselbe nach demGenuß abmesse. M. Plautius, Consul, und welcher über die Illyrier triumphiert hatte, ließ an seinGrabmal, welches sich unweit Tivoli erhalten hat, unter allen seinen angeführten Taten setzen: "Vixit ann. IX." Ich würde sagen: »Ich habe bis in das achte Jahr gelebt;« dies istdie Zeit meines Aufenthalts in Rom und in andern Städten von Italien. Hier habe ich meine Jugend, die ich teils in der Wildheit, teils in Arbeit und Kummer verloren, zurückzurufen gesucht und ich sterbe wenigstens zufriedener; denn ich habe alles, was ich wünschte, erlangt, ja mehr, als ich denken, hoffen und verdienen konnte. — Ichschätze mich für einen von den seltnen Menschen in der Welt, welche völlig zufrieden sind und nichts zu verlangen übrig haben. Suche einen andern, welcher dieses von Herzen sagen kann!

Meine vorigeLebens-Geschichte nehme ich kurz zusammen. In Seehausen war ich achthalb Jahre als Konrektor an der dasigen Schule. Bibliothekarius des Herrn Grafen von Bünau bin ich ebenso lange gewesen und ein Jahr lebte ich in Dresden vor meiner Reise. — Meine größte Arbeit ist bisher die »Geschichte der Kunst des Altertums, sonderlich derBildhauerei « gewesen. — Ferner ist ein italienisches Werk unter dem Titel: »Erklärung schwerer Punkte in der Mythologie, den Gebräuchen und der alten Geschichte, alles aus unbekannterDenkungsart des Altertums«; — dieses Werk in Folio lasse ich auf eigne Kosten in Rom drucken. —Beiläufig arbeite ich an einer Allegorie für Künstler.

Dieses ist das Leben und die Wunder Johann Winckelmanns, zu Stendal in der Altmark, zu Anfang des 1718. Jahres geboren. — Ich wünsche dir, daß du zu der Zufriedenheit gelangen mögest, die ich hier genieße und genossen habe, und bin beständig

Dein treuer Freund und Bruder
Winckelmann.«

Lessing auch las die Werke dieses Mannes, der es verstand wie kein anderer zuvor, die Wunder der Schönheit in den Bild-Werken der Alten vor den Augen einer erstaunten Mitwelt zuenthüllen, und Lessing kam an die Beschreibung der herrlichen Gruppe, der Laokoon-Gruppe.

Sie alle, meine Freunde, kennen die Geschichte des trojanischen Krieges, nicht wahr? Sie wissen, daß trotz der glorreichen Taten tapferer Helden dennoch im zehnten Jahre die Mauern der Stadt fest da standen und daß dann die Griechen ein Pferd von Holz erbauten, so groß, daß man einen Teil der Mauer hätte niederreißen müssen, um es in die Stadt zu führen, und daß die Griechen dann ihre Schiffe bestiegen um heimwärts zu segeln — zum Schein. — Sie erinnern sich auch, daß dann die Trojaner aus den Thoren stürzten in die langentbehrten Felder und das Pferd sahen und staunten und fragten: Was bedeutet denn das? und daß sie jenem falschen, lügenhaften Griechen glaubten, der ihnen sagte, daß die Griechen auf dem Meereverderben müßten, wenn sie dieses Pferd, ein Opfer der Götter, in ihre Stadt brächten, und wie sie auch gewarnt wurden von Laokoon, dem Priester, doch abzustehen von ihrem Vorhaben. Dann waren die Schlangen gekommen aus dem Meere und hatten den Priester samt seinen beiden Söhnen umschlungen.

Dieser Moment nun ist es, den ein alter griechischer Meistererfaßt und in Marmor ausgeführt hat und zwar mit solcher Meisterschaft, daß Winckelmann nicht Worte des Lobes genug finden kann für die Erhabenheit des Werkes und die Weisheit des Meisters, der in jedem Zuge die höchste Schönheit zum Ausdruck gebracht hat — überall, überall; und der nicht wie der römische Dichter Virgil gehandelt habe, welcher Laokoon in seinem Gedichte vor Schmerz laut schreien und also doch den Mund weit und unschön öffnen ließe.

Lessing las diemißbilligende Kritik über Virgil, nahm den Poeten zur Hand und las die Verse, deren Übersetzung nach Schiller so lautet: