Louis: Bravo, bravo! — applaudieren Sie doch, Herr Meister!
Dr. Albert: Diese ideale, glückliche Zeit liegt noch in weiter Ferne; darum sorgen Sie noch nicht, meine Freunde, welche von den zahlreichen Sprachen Sie wählen werden zu stetem, häuslichem Gebrauche. Zwar könnte ich schon heute sagen, auf welche derselben Ihre Wahl fallen würde als auf die schönste, leichteste, beste. Soll ich sie nennen, die Sprache Ihrer Wahl? —
Die Mutter-Sprache wird es sein. — Denn die Töne, in welcher die Mutter zuerst uns die süßen Laute der Liebezugehaucht hat, sind in unser Innerstes eingepflanzt, und das Schönste, was wir sagen wollen, und das Teuerste und das Heiligste — wir sagen es am besten in diesen Lauten. Darum ist die Mutter-Sprache uns allen heilig und lieb, darum verehrt eine edle Nation die Mutter-Sprache, und darum hängt das Volk so fest an ihr. Denn es fühlt, es ist die Mutter-Sprache sein geistiger Boden, ohne welchen es so weniggedeihen kann, wie der vollgewachsene Baum, den man in fremde Erde gepflanzt hat. — Es wäre ein Unglück für ein Volk, wenn es seine Mutter-Sprache verlieren müßte. Und wissen Sie, meine Freunde, daß dem deutschen Volke dieses Unglück einstmals gedroht hat?
Das deutsche Volk war von der Höhe seines politischen Glückes tief hinabgestürzt in das Unglück des dreißigjährigen Krieges, und auf den Sonnen-Glanz seinerDichtkunst im 13. Jahrhundert war schwarzeFinsternis gefolgt. Poesie und Kunst und Litteratur waren nirgends sichtbar, und als einziger Trost erklangen ihm in dieser langen Nacht die göttlichen Töne der Musik von Händel und Bach.
Die höheren Zirkel der deutschen Nation blickten verlangend und suchend umher und fanden Befriedigung in den schönen Schriften der großen Poeten Frankreichs, das Volk aber blieb konservativ und hielt fest an der Sprache der Mutter, an der Sprache, welche Luther ihnen in der Bibel gegeben hatte.
Da kam Gotthold Ephraim Lessing und hob die deutsche Sprache und gab ihr Halt und festen Grund und Form undflößte ihr Stärke ein und zierte sie mit Schönheit. Und dann schritt er zu Deutschlands Musen-Tempel, öffnete mit fester Hand die Pforten, die langverschlossenen, und zündete dieFackel an und schwang sie hoch und leuchtend, bis dieMorgenröte kam und das volleTageslicht wieder einströmte in die herrlichen Räume und auf den Altar, vor welchem zwei der Priester sich vereint die Hände reichten — Schiller undGoethe[VII-1]. Auf den Altar aber hatte Lessing eine dreifacheWeihe gebracht: »Emilia Galotti«, »Nathan der Weise« und »Minna von Barnhelm«. Wahrlich, das deutsche Volk schätzt sie hoch, diese Gaben: dieses perfekte Trauerspiel, dieses große Schauspiel und dieses schöne Lustspiel.
Ah, meine Freunde, verstehen Sie nun, warum Deutschland seinem Lessing hohe Verehrung schuldet undzollt?
Und was ihm das deutsche Volk schuldet für Sprache und Litteratur — Dank und Verehrung, — das schulden ihm dieGebildeten dergesamten Welt für das, was er auch für sie getan durch seinen »Laokoon«, denn »Laokoon« ist nicht das Werk einer Nation, sondern das Gemeingut aller insgesamt.
Sie haben mich gebeten, meine verehrten Freunde, mit Ihnen auch über Lessings »Laokoon« zu sprechen. Ich erfülle mit großem Vergnügen Ihren Wunsch, muß mich jedoch wegen der Kürze der mirzugemessenen Zeit auf eingeringesbeschränken.
Durch seinen »Laokoon« rief Lessing eine solche Veränderung in den Ideen über Dichtkunst, Malerei undBildhauerei hervor, wie einst Newton auf einem andernGebiete.