Dr. Albert: Das ist in der Tat zu bedauern, aber wie wäre es, mein Fräulein, wenn Sie uns Ihre Ideen über Musik mitteilen wollten? Die Ansichten einer solch'ergebenen Dienerin der Kunst würden für uns alle lehrreich und angenehm sein.

Gretchen: Ah, mein Herr,das wage ich nicht; wie dürfte ich mich unterstehen, vor einer Versammlung gelehrter Herren, wie sie hier ist, zu sprechen!

Louis: O mein Fräulein, wir werden Nachsicht üben.

Gretchen: Nun, dann will ich beginnen. Die Musik liebe ich von ganzer Seele treu und innig und in der Tatversäume ich wohl kaum ein gutes Konzert. Und doch geschah es nicht selten, daß ich eine gewisse Unzufriedenheit am meisten gerade dannverspürte, nachdem ich die höchste Freude an den schönsten Werken der unsterblichen Meister genossen hatte.

Können Sie sich das wohl denken oder erklären? — Mir ging es da, wie es so manchem kleinen Knaben geht, wenn der Vater ihm ein Spiel-Zeug von der Reise brachte. Eine Weile freut er sich — dann aber geht er still in eine Ecke und fragt sich: Was mag wohl im Innern sein?

Und wenn ich nach einem großen Konzerte wieder alleine war mit mir selbst und die herrlichsten Passagen mir noch im Ohre klangen und ich mich nochlabte am Strome der Töne, dann drängte sich mir oft die Frage auf:

Was — was ist Musik? Woher hat ein Beethoven diese süßen Melodien, diese wunderbaren Harmonien? — Aus der Natur? — In der Natur höre ich wohl einzelne Melodien, wie im Gesange der Vögel, doch niemals solche, wie unsere größten Komponisten sie uns geben, niemals Harmonien. Wie denn? ist überhaupt das, was unsere Komponisten formten, etwas Natürliches, etwas, was wahr ist und bestehen kann, oder ist es etwas Künstliches, etwas, was Menschen zusammengefügt haben und das vergehen muß wie Menschen-Werk? — Nein, nein — mein Glaube an die Musik war zu mächtig, und doch — ich hätte so gerne dieZweifel aus mir entfernt.Es wollte mir lange nicht gelingen; so viel ich auch denken und fragen und in Büchern suchen mochte, — vergebens war mein Bemühen.

Aber wir werden oftmals beschenkt, da wir es am wenigsten erwarten, und doppelt groß ist dann unsere Freude. Und so ging es auch mir. Ich fand eine Antwort in einer späteren Zeit und an einem entfernten Orte. Wollen sie die Antwort hören? Sie befriedigt mich selbst sehr wohl, doch bin ich nicht kühn genug zu glauben, daß sie auch Ihnen genügen wird.

Ich stand vor dem erhabensten Schau-Spiel der Natur, das ich bis heute gesehen habe, — ich stand am Niagara-Fall.

Wie lange ich da weilte, ich weiß es nicht mehr — aber immer mußte ich denken: O, wie schön, wie schön ist doch die Erde, auf welcher wir leben. Solche große Pracht, solch' endlose Herrlichkeit wurde doch zu viel für meine Augen, und ich bedeckte sie mit meinen Händen, da — war es möglich? — o, göttliches Wunder — ich hörte in der Natur ein Konzert, so gewaltig, so schön und erhaben, wie ich noch keines gehört hatte, und das Rätsel der Musik war mir gelöst.