Ottilie: Das ist schlimm!

Luise: O, es ist ein entsetzliches Unglück. Als ich nach Hause kam, merkte ich es erst. — Nur meine Mutter weiß es und unser alter treuer Diener. Überall haben sie gesucht, jeden Stein haben sie umgedreht — umsonst — er ist fort und niemals finde ich ihn wieder, niemals, niemals!

Ottilie: Und Rudolf?

Luise: Er weiß noch nichts. Als wir nachmittags abreisen wollten und bereits im Wagen saßen, bemerke ich gerade noch, daß mir mein neuester und gerade mein schönster Hut fehlte, du weißt ja — der dir so besonders gefiel. Ich bitte Rudolf, in das Haus zu eilen und ihn mir zu bringen. Er geht — und bleibt entsetzlich lange aus. Endlich, da ich vor Ungeduld beinahe vergehe, kommt er wieder — denke dir, kommt wieder ohne meinen Hut und lacht so laut und so fürchterlich, daß er kein Wort zu sprechen vermag, lacht konvulsivisch; und je mehr ich bitte, je mehr ich weine, desto lauter lacht er. Das ist der Anfang unserer Reise — er in der einen Ecke und lacht, daß ich meine, er habe den Verstand verloren, und ich in der andern Ecke und weine, daß mirschier das Herz vergehen will. Endlich kommen wir hier an im Hotel. Da eile ich in mein Zimmer und schließe mich ein ganz allein und durchweine die Nacht.

Ottilie: Und Rudolf?

Luise: Ist der herzloseste, leichtsinnigste Mensch von der Welt, aber ich habe ihn auch vor meiner Thüre klopfen lassen — zur Strafe klopfen lassen, bis er müde wurde.

Ottilie: Luise, Luise, ich fürchte, du begehst einen großen Irrtum!

Luise: So, meinst du? Ich dachte es auch heute Morgen, und öffnete deshalb die Thür und hoffte, er würde wieder kommen; und richtig, ich höre Schritte nahen — das waren seine Tritte — warte, dachte ich, ich will es dir nicht zu leicht machen, und setze mich ans Fenster und drehe der Thüre den Rücken zu. Richtig, er tritt ein, und ich bleibe eine Weile stille sitzen und schaue zum Fenster hinaus, jeden Moment denkend, er müsse nun kommen, mich in seine Arme zu fassen — aber er bleibt still. Ich drehe mich um und sehe — denke dir meinen Schrecken — einen fremden Herrn auf meinem Sopha ausgestreckt. Als er mich sieht, ist er ebenso erschreckt wie ich selbst und stammelt in Verwirrung ein paar Worte: Pardon — Irrtum —, giebt mir in Hast seine Karte und ist im Nu — mit den Schuhen in der Hand und dem Rocke auf dem Arme — zur Thüre hinaus, und das alles ging so schnell wie der Blitz und so komisch, daß ich trotz meinesElendes nun auch laut, laut lachen mußte.

Ottilie: Nein — das muß ich sagen — der zweite Tag deines ehelichen Lebens fängt komisch genug an. Laß mich die Karte sehen.

Luise: Hier — hier ist sie.