Als Reinekens Freunde dieses hörten, waren alle von Herzenbetrübt und verließen unwillig den Hof des Königs. Nobel aber sah es nicht gern, daß so viele edle Männer seinen Hof verließen.
Reineke aber hatte nur wenig Mut; und als er gebunden unter dem Galgen stand, dachte er: Wenn der König mir nur noch einmal erlauben wollte zu sprechen, so hätte ich noch Hoffnung, mein Leben zu erhalten.
Und er drehte sich nun zu dem Volke, das gekommen war, sein Ende zu sehen. Und er sprach zum König, derfinster da saß neben seiner Gemahlin. Auf diese besonders blickte der Schlaue, denn er kannte ihrweiches Herz, und sprach:
Nur noch einmal, o König, gebet mir das Wort, bevor ich diese schöne Erde verlasse. Meine Sünden will ich offenbekennen, daß alle es hören zur Warnung.
Als die Königin diese kläglichen Worte vernahm, sah sie mit bittenden Augen den König an, und dieser sagte: Wohlan denn, so sprich!
Da wurde Reinekens Seele viel leichter und er begann:
Vor euch allen hier bekenne ich es offen: Ich habe viel und schwer gesündigt im Leben. Jung hatte ich begonnen zu stehlen und zu rauben unter den Hühnern und Gänsen und Lämmern und Ziegen. Aber da ich später ein Freund des Wolfes wurde und er mich lehrte, so wurde ich viel schlimmer. Wenn wir zusammen ausgingen auf Raub und Mord, nahm er immer das Größte für sich und oft alles; und ich hätte hungern müssen, wenn ich nicht einenSchatz für mich vergraben hätte.
Einen Schatz? unterbrach ihn der König. Sprachst du von einem Schatz?
Ich sprach von einem Schatz. So viel rotes, scheinendes Gold saht ihr nie zuvor. In vielen Wagen kann man es nicht bringen. Und Edelsteine und Ringe undKetten so schön, wie sie die Königin wohl noch nie gesehen. Aber wasnützt mir nun alles, da ich den Tod vor Augen sehe? — Mit dem Schatze aber war es so: —
Mein Vater war, wie ihr alle wohl wisset, sehr schlau. — Auf einer langen Reise hatte er den Schatz des Königs Emmrich entdeckt. Aber er hatte wenig Freude daran, denn er hielt ihn vergraben am heimlichenOrte. So aber habe ich selbst ihn gefunden. Einst, in einer stürmischen Nacht, — der Regen fiel in Strömen, der Donner rollte undBlitz auf Blitz zuckte, — da sah ich meinen Vater spät aus seinem Hause kommen und scheu sich umsehen nach allen Seiten. — Mich aber hatte er nicht gesehen; denn ich warversteckt. Ich wunderte mich, ihn so spät und in solchem Wetter ausgehen zu sehen und folgte ihm.