Der Jüngling aber sprach: Ich bin ein böhmischer Edelmann und hatte reiche Ländereien und schöne Schlösser und, um mein Glück voll zu machen, ein Mädchen, das mich liebte, und in wenigen Tagen sollte sie mein Weib sein. Da ließ mich der Fürst des Landes in das Gefängnis werfen — ich hatte kein Unrechtbegangen — und endlich, da man mich nach Monaten wieder frei machte, fand ich meine Braut nicht mehr. Der Fürst hatte ihr gedroht, daß ich sterben müsse, wenn sie nicht sein werden wolle; und sie, die Unglückliche, hatte sich selbst geopfert, um mein Leben zu retten. Auch meine Güter hat man mir geraubt. Nun sagt, Herr Graf von Moor, was bleibt mir, als der Kampf um mein Recht? Laßt mich bei euch, einen Unglücklichen bei den Unglücklichen, denn auch ihr seid nicht glücklich, wie ich sehe. Und Moor sprach: Du magst bleiben.
Durch diese Erzählung aber war in Moor wieder der Wunsch erwacht, seine Heimat und seine Geliebte zu sehen, und er befahl: Auf, auf nach Franken!
Franz hatte nun alles erreicht, er hatte Reichtum und Herrschaft — aber er war unglücklich, denn ihm fehlte die Ruhe im Innern. Mit bösen Gedanken hatte er begonnen und zu bösen Taten war er gekommen und tiefer und tiefer war er gesunken, so daß die Menschen ihn haßten und fürchteten, gleich wie er sie. Ein fremder Graf war in das Schloß gekommen. Niemand kannte ihn, aber Franz von Moor fürchtete ihn mehr als einen andern Menschen. Amalie aber mußte immer an Karl denken, sie wußte nicht warum; und da sie in dem Garten saß und zu ihrerLaute das Lied sang, welches Karl einst so liebte, hörte sie vom andern Ende des Gartens dieselben Worte und dieselbe Melodie. Sie wußte nun, wer der fremde Graf war.
Es war Nacht geworden, und Karl von Moor war wieder zurückgegangen in den Wald. Da sah er beimMondenschein einen Mann an einen alten Turm gehen und er hörte auch Töne aus dem Innern des Turmes. — In diesemUmstandevermutete[II-4] er einGeheimnis. — Leise trat Moor hinzu, packte den Mann und sprach: Wer bist du und was thust du hier?Erbarmen, rief jener, Erbarmen, ich bringe Brot für einen Unglücklichen, der hier im Turme hungert. Mit seinem Schwerte öffnete Karl die Thüre, und aus der Tiefe des Turmes kam langsam und scheu, die Hände ringend und Erbarmen, Erbarmen! rufend, eine Figur. War es ein lebender Mensch, war es ein Skelett? Karl von Moor erkannte in dem alten Manne mit den langen, schneeweißen Haaren seinen eignen Vater!
Jetzt verstand Karl alles, sein Feind war auch seines Vaters Feind, des Vaters Unglück und sein eignes kam von einem allein. Und er rief seine Räuber und sprach:
Freunde, noch eins tut für mich, und dann will ich nichts mehr von euch bitten: Bringet hierher vor mich Franz von Moor!
Diese Nacht aber war wieder eine der schrecklichsten gewesen, wie sie Franz von Moor so oft erlebt hatte: er konnte nicht schlafen, denn er mußte an seine Sünden denken, und wenn er endlich eingeschlafen war, so hatte er die fürchterlichsten Träume, und so groß war seineAngst, daß er nicht allein sein wollte, daß seine Diener an seinem Bette wachen mußten. Nach langer Zeit zum ersten Male sandte er wieder in dieser Nacht zum Pastor; nach langer Zeit zum ersten Mal wollte er wieder beten und er begann:
Höre mich beten, Gott im Himmel, es ist das erste Mal, soll auch gewiß nimmer geschehen. Erhöre mich, Gott im Himmel! — Franz hatte das Beten verlernt, und seine Angst und seine Verzweiflung war endlos. Als die Räuber in das Schloß stürmten, fanden sie Franz leblos auf der Erde — er erwachte nie mehr.
Amalie hatte überall im Garten ihren Geliebten gesucht. Er wargeflohen, sie folgte ihm in den Wald, sie sah ihn und das waren nach langer, langer Zeit die ersten und letzten Momente des Glückes.
Louis: Und wie war das Ende?