Dr. Albert: Das war eine liebe, gute Schwester, nicht wahr, Martha?
Martha Parks: Glaubst Du, Albert, daß es heute solche Schwestern giebt?
Dr. Albert: O ja. — Schwestern sind heute so gut, wiefrüher. — Nun aber möchte ich von Dir das Märchen hören. Willst Du es erzählen?
Martha Parks: O ja, das will ich: Da war eine Mutter, die hatte sieben Söhne und eine Tochter. — Wenn die Knaben gespielt hatten im Garten oder im Walde, dann kamen sie immer hungrig nach Hause; — und eines Tages standen sie wieder um ihre Mutter, welche ein Brot in der einen Hand hatte und ein Messer in der andern.
Gieb mir zuerst, Mutter! — Gieb mir zuerst! — riefen die Knaben wild durch einander. —
Wenn ihr doch alle Raben wäret! sagte unwillig die Mutter. — Da waren die Knabenplötzlichverschwunden, und über dem Hause flatterten sieben Raben hin und her undkreischten: Rab! Rab! Rab!
O, meine Brüder! rief da die Schwester, — und die arme Mutter weinte und jammerte. Aber das half nun nichts mehr. Die Rabenflogen in den Wald.
Die Mutter hatte nun keine frohe Stunde mehr. Sie weinte Tag und Nacht — und starb bald vor großem Schmerz, und da war das Mädchen ganz allein.
Tag für Tag aber ging sie in den Wald, sah nach allen Bäumen, sah nach allen Raben und rief ihre Brüder mit Namen, — aber sie kamen nicht. Und wenn sie dann oftmals ohne alle Hoffnung war, dann setzte sie sich auf einenBaumstamm, bedeckte ihr Gesicht mit ihren weißen Händchen und weinte bitterlich.
So saß sie auch eines Tages da; und ihrJammer war so groß, daß sie dachte, ihr Herz müsse brechen. Da hörte sie eine Stimme: Stille deine Thränen, gutes Mädchen! Wenn du sieben Jahreschweigen, — nicht ein Wort sprechen und siebenHemden, spinnen willst, so sollst du deine Brüder wieder finden. — Das Mädchen sah auf; — und vor ihr stand ein Zwerg mit langemSilberbarte; der winkte ihr freundlich zu und — verschwand.