Herr Meister: In der folgendenWeise: Wenn meine Freunde Fehler im Sprechen oder Schreiben gemacht haben, so habe ich sie verbessert.
Dr. Albert: So sagte mir Louis. Allein ich sollte denken, das würde nicht genügen.
Herr Meister: Bei manchen Schülern genügt es, bei anderen nicht.
Dr. Albert: So machen Sie einenUnterschied bei den Schülern, wie ich sehe?
Herr Meister: In der Tat, das thue ich. — Bei Kindern schlage ich den Weg ein, den die Müttereinschlagen bei ihren Lieblingen und den die Natur selbst sie gelehrt. — Wenn das Kindfehlerhaft spricht, so sagt die Mutter: Nicht so, mein Kind. Das war nicht recht. So mußt du sprechen. — Das genügt meistens für Kinder. Oft kann man bei ihnen keinen andern Weg einschlagen. — Und warum sollte man den Kindern mehr sagen, als das? Sie haben ja Zeit genug, haben nichts zuversäumen.
Anders aber ist es bei älteren Personen, die denken und immer nach dem Warum? fragen. Bei diesen und besonders bei solchen, welche die Grammatik ihrerMuttersprache studiert hatten, gehe ich ebenfalls den Weg, von dem ich sagte, daß die Natur ihn vorgeschrieben habe; — alleinich füge noch etwas Neues hinzu: Ich gebe ihnen auch die Regeln der Grammatik, nachdem ich die Fehler verbessert habe, undso dringen sie auch ein in den Geist der Sprache.
Doch habe ich mich stetsgehütet, darin zu viel zu tun, und niemals habe ich meine Schülerermüdet mit Regeln der Grammatik. Stets war es Vergnügen für beide Teile, für Schüler und Lehrer.
Auch bin ich nicht immer denselben Weg gegangen; oft tat ich es so und oft anders, je nach dem Alter, je nach der Individualität des Studierenden; — und darin liegt die hohe Schönheit und die Größe dieses Systems: Es ist ein System der Freiheit, der wahren Freiheit, — das nur entstehen konnte in einem freien Lande. Jeder Lehrer kann darin seine Individualität geben, um so das Höchste und Beste zu erreichen.
Otto: Sehr wahr!
Herr Meister: Worüber ich aber noch täglich erstaunen muß, ist eineBeobachtung, die ich neulich gemacht habe: Daß nur wenig Grammatik, daß nur wenige Regeln genügen, um recht zu sprechen und recht zu schreiben. — Dazufreilich ist es nötig, daß der Lehrer klar denkt und sieht.