Durch das nördl. Tor der äußern Westmauer gelangt man durch eine Allee schöner alter Zypressen zum Tore der innern Mauer. Hinter diesem erblickt man zunächst r. ein von einem Graben umzogenes Gebäude, die Halle der Enthaltsamkeit (Chai-kung [Djaí-gung]), woselbst der Kaiser die Nacht vor dem Opfer fastet; sehenswerter Thronsessel im Hauptraume. —Dann sö. zum großen Hauptaltar, chines. Yüan-ch'iu[Yüĕn-tchió], »Runder Hügel« oder Nán-t'an, Südaltar genannt, ganz aus weißem Marmor erbaut und von Marmorbogen umgeben. Hier opfert der Kaiser als »Sohn des Himmels«alljährlich zur Zeit der Wintersonnenwende als Hoherpriester seines Volkes und erfleht den Segen des Himmels für das kommende Jahr. Auf der obersten Plattform werden zur Zeit des Opfers eine Anzahl Zelte aus dunkelblauem Tuch errichtet, in die auf vergoldeten hölzernen Thronsesseln die Seelentafeln des »Allerhöchsten Himmlischen Herrschers«, des Jahres, der Gestirne, der Sonne, des Mondes und der 8 kaiserlichen Ahnen des regierenden Hauses stehen. Vor allen Tafeln stehen Opfertische mit den verschiedensten Sorten von Fleisch, Wildbret, Fischen, Sämereien, Früchten und Backwerk. Während der Kultushandlung, die die kaiserliche Kapelle auf eigenartigen, kunstvoll gearbeiteten Instrumenten mit einer uralten Sakralmusik begleitet, kniet der Kaiser allein auf der obersten Plattform, während die übrigen Terrassen und der Hof mit den Prinzen und den höchsten Würdenträgern besetzt sind. Insgesamt nehmen an dem 3 / 4 St. vor Sonnenaufgang beginnenden Opfer mehrere hundert Personen teil, die sich schon am vorhergehenden Tag aus der Stadt dorthin begeben und teils in den ausgedehnten Wohnhausanlagen, teils in Zelten übernachtet haben. Dieser Südaltar ist der eigentliche »Altar des Himmels« und der Hauptpunkt der ganzen Anlage. Die oft gehörte Behauptung, die Chinesen hielten ihn für den Mittelpunkt der Erde, gehört ins Gebiet der vielen Fabeln, die sich während der Okkupationszeit von 1900/01 gebildet haben.—Am Fuße des Altars stehen neun große eiserne Becken, je eins beim ersten Opfer eines jeden Kaisers der regierenden Dynastie gestiftet, in denen grobe weiße Seidenstoffrollen verbrannt werden. —Nahe sö. vom Altar ein aus grünglasierten Ziegeln erbauter Brandopferofen (liáo-lu), in dem jedesmal ein schwarzer Stier verbrannt wird. Die zur Tempelwirtschaft gehörende Herde schwarzer Stiere kann man oft auf den weiten Grasflächen weiden sehen.—Wenig nördl. vom Südaltar ein Pavillon, in dem die Kultusgeräte aufbewahrt werden. (Kein Zutritt!)
Man wende sich nun nördl. Auf einer mit mächtigen Steinquadern belegten breiten Terrasse gelangt man zum * Nordaltar, chines. Ch'i-ku-t'an[Tchi-gu-tán], »Getreideopfer-Altar«, genannt; auf ihm erhebt sich ein stattliches rundes Gebäude, einer der schönsten Bauten Pekings, Ch'i-nien-tien[Tchi-niĕn-dién],»Jahresopfer-Halle«, genannt. Hier pflegte der Kaiser ehemals alljährlich im Frühjahr um eine glückliche Ernte zu beten. Seitdem das Gebäude aber 1852 infolge eines Blitzschlags abbrannte, ist das Ernteopfer stets gleichfalls auf dem Südaltar abgehalten und die an Stelle der alten neuerbaute Halle nie benutzt worden.

Der Pavillon nördl. davon enthält die Kultusgeräte.—Bei der Besetzung im Jahre 1900 lag die britisch-indische Kavallerie des Generals Gaselee im Himmelstempel.— (Trinkgeld an den führenden Aufseher je 10-20 c.)

Außerdem sind in der Chinesenstadt sehenswert die Hauptgeschäftsstraße Dà-schĭ-lărl, die Buchhändlerstraße Liu-li-ch'ang[Lèo-lit-tscháng] mit Kuriositätenläden und sw. davon der Buddhatempel Fà-yüan-ssé, der älteste Tempel Pekings, 645 erbaut.—Nahe der Buchhändlerstraße ist eine sehenswerte Cloisonnéfabrik (S.284 ).

Ausflug zu den kaiserlichen Sommerpalästen und in die Westberge.

Etwa 2-3 Tage, mit Nachtlager in den Klöstern am»Tempel der blaugrünen Wolke«und am Miaofengschan. Der alte Sommerpalast allein ist eine kleine Tagestour. Alle größern Ausflüge suche man in Gesellschaft zu machen, Herren zu Pferde (tägl. $ 2), Damen in Maultiersänfte (tägl. $ 4); oder in Tragstühlen, die der Gasthof besorgt; dazu nehme man Reitknechte nach Bedarf, einen Führer (tägl. $ 2), einen Koch (tägl. $ 0,75) sowie eine Pekingkarre (tägl. $ 2) mit Mundvorrat und Getränk sowie Matratzen und Decken mit. Die Gasthöfe besorgen die Ausrüstung. Unterwegs regelt der Führer alle Ausgaben. Chinesische Herbergen trifft man unterwegs.

Man verläßt die Mandschustadt durch das nordöstliche Tor, Andingmönn, und gelangt, den Tempel der Erde ( Di-tan ) r. lassend, zum * Gelben Tempel ( Huang-ssĕ ), etwa 25 Min. nördl. von der Stadtmauer, einer großen Tempelanlage mit prachtvollen Marmorbauten inmitten alter Parkanlagen, von Kaiser Ch'ien Lung zu Ehren des ihn zu seinem 70. Geburtstage 1780 besuchenden Tashi Lama erbaut; er besteht aus drei Teilen; das mittlere, arg zerfallene Gebäude in halb tibetischem Stil diente dem heiligen Mann aus Tibet, der im Rang nur dem Dalai Lama nachsteht, zur Wohnung, die östl. Tempelanlage Tung-huang-ssĕ[Dùng-huang-ssĕ] als Privatkapelle.

Als der Heilige 1781 an den Blattern starb, ließ der Kaiser seine Kleider westl. des Wohnpalastes beisetzen und darüber aus weißem Marmor eine schöne Pagode errichten, während der Leichnam in einem vergoldeten Sarge nach Tibet geschickt wurde. Pagoden sind buddhistische Grabdenkmäler, die in ihren fünf Hauptabschnitten die fünf Elemente darstellen und die Auflösung des Körpers in die fünf Elemente versinnbildlichen sollen. An der Pagode schöne Reliefs, die wunderbare Geburt des Heiligen, seine Lehrtätigkeit, Tod und Wiedergeburt als Buddha darstellend, 1900 leider von japanischen Soldaten arg verstümmelt. —Der Gelbe Tempel war 1861 das Hauptquartier Lord Elgins, als die Engländer und Franzosen das Tor An-ding-mèn bombardierten, durch das sie später einzogen.—Dicht östl. vom Gelben Tempel das von der chinesischen Regierung für den Dalai Lama gebaute Absteigequartier ( Dalai-lama chĭng-yung ), wo der tibetische Heilige im Jahre 1908 wohnte. Zu sehen: seine Reisewagen, sein Altar, von ihm gesegnete Gegenstände. Eintritt gegen Trinkgeld erlangbar.
10 Min. nördl. davon der kleine, unscheinbare Tempel Tsan-tan-ssĕ mit den Leichen der im Yung-ho-yung verstorbenen Mönche, die hier in viereckigen, ca. 1 qm großen Holzkisten in einer der Stellung des Embryo im Mutterleibe entsprechenden Körperhaltung (buddhistische Lehre der ewigen Wiedergeburt!) aufgestapelt und gelegentlich im Vorhofe verbrannt werden. Die Aschensäcke hängen an den Wänden der Haupthalle in groben gelben Beuteln; sie werden gelegentlich nach dem Wallfahrtsort Wu-tai-schan in der Provinz Schansi geschickt und dort beigesetzt. Nur für starke Nerven, namentlich bei warmer Witterung!

Vom Oktober bis Februar pflegen die nach Peking aus der Mongolei kommenden Tributgesandtschaften in den großen Karawansereien beim Gelben Tempel abzusteigen. Daher heißt diese ganze Gegend der Mongolenmarkt.
Zwischen dem Gelben Tempel und der Stadt Peking liegt der alte Exerzierplatz der mandschurischen Bannertruppen, wo die kriegerischen großen Kaiser K'ang Hsi, Yung Chêng und Ch'ien Lung von einem noch zu erkennenden Sandhügel in der Mitte Heerschau hielten. Zurzeit wird hier der Bau der neuen Reichsuniversität vorbereitet (Alumnat mit Colleges nach amerikanischem Vorbild).
Zu Pferde etwa 20 Min. wnw. weiter erreicht man den Tempel der Großen Glocke ( Ta-chung-ssĕ[Dá-djung-ssĕ]) mit einer der 5 Riesenglocken, die der Ming-Kaiser Yung Lo (1403-25) gießen ließ, 1578 erbaut. Sie ist innen und außen mit dem Text einer Hymne auf Amitabha Buddha in chinesischen und Sanskritschriftzeichen bedeckt. Den besten Eindruck von der gewaltigen Größe der Glocke erhält man, wenn man sich unter sie stellt.

Wer den Umweg von 2-3 St. über den Gelben Tempel und den Tempel der Großen Glocke scheut, gelangt am besten zu den Sommerpalästen, wenn er Peking durch das Nordtor der Westmauer, das Hsi-dschi-mönn[Chí-dji-mönn] verläßt. [Wer Eile hat und sich mit derselben Straße zum Hin-und Rückweg begnügt, fährt im Automobil oder Wagen die neue große Chaussee über Hai-dien.]—10 Min. westl. von Hsi-dschi-mönn der 1907 eröffnete Botanische und Zoologische Garten mit europäischem Restaurant, Teehaus und einem Absteigequartier der verstorbenen Kaiserin-Regentin. (Eintritt in die botanische und zoologische Abteilung pro Person je 8 Kupfercents, Besichtigung des kaiserlichen Hauses pro Person 20 c.; auf guter Straße in Wagen, Auto oder Rikscha bequem zu erreichen.) Vor dem Tor überschreitet man die Mongolische Bahn (S.280 ). L. von einer über einen Kanal führenden Steinbrücke liegen die Bootshäuser für die kaiserlichen Dschunken, in denen sich die Majestäten auf dem Kanal von einem kleinen Raddampfer zum Sommerpalast schleppen ließen. Am vielfach gewundenen Kanal entlang schöner Weg bis zu dem von einem indischen Buddhistenmissionar in hindustanischem Stil erbauten Tempel Wù-t'a-ssĕ (»Fünf-Pagoden-Tempel«), jetzt verfallen und verlassen. Nach etwa 1 / 2 St. neben einer Schleuse der nach 1900 wieder schön hergerichtete Tempel Wan-shou-ssĕ[Wăn-shŏ[-i]-ssĕ] mit sehenswerten Höfen und Hallen.—Unmittelbar westl. daneben das Absteigequartier der Majestäten Hsing-kung[chíng-gung], die hier auf der Fahrt nach dem Sommerpalast rasteten und der Schleuse wegen die Boote wechselten; sehenswert, da alle Wohnräume vollständig eingerichtet und die Höfe gegen Trinkgeld zugänglich sind.—Da der weitere Weg am Kanal entlang bald durch Militärposten versperrt wird, verlasse man den Kanalweg und biege durch den westl. vom kaiserlichen Absteigequartier gelegenen Torbogen nach N. ab. Bei dem Marktflecken Hai-tien[Hai-diĕn] erreicht man die von Peking zum Sommerpalast führende Straße und gelangt auf ihr, an den neuen Kasernen der Gardedivision und den Sommersitzen der Prinzen und hohen Würdenträger vorbei, zum (15 km) sogen. * Alten Kaiser-Sommerpalast, Yüàn-ming-yüán (»Park des Vollendeten Glanzes«), einst die Sommerresidenz des großen Ch'ien Lung (1736-96), der hier 1793 die erste englische Gesandtschaft unter Lord Macartney empfing. Der Palast wurde 1861 zur Strafe für die Gefangennahme und Ermordung der englischen Parlamentäre von den verbündeten Engländern und Franzosen gänzlich ausgeplündert (ganze Schiffsladungen von Kunstwerken gingen nach Europa) und in barbarischer Weise zerstört; die Ruinen geben nur ein schwaches Bild der vergangenen Pracht. Für den Europäer interessant sind die Überreste der von den französischen Jesuitenmissionaren nach Vorbildern von Trianon und Versailles erbauten Rokokobauten, Labyrinthe u. dergl. Der schöne Park ist »heimlich« gegen Trinkgeld von einer Seitentür an der Westmauer wieder zugänglich.— An verschiedenen prinzlichen Sommersitzen vorbei führt die große Steinstraße weiter zum sogen. Neuen Sommerpalast, I-ho-yüan[I-hōă-yüán, »Park des Alterfriedens«], von den Fremden nach dem in ihm liegenden Hügel Wan-shou-shan[Wàn-schŏū-schăn, »Kaisersgeburtstagsberg«] genannt (Wan-shou heißt eigentlich»10000 [mal] hohes Alter«), weil der Begründer dieses Sommersitzes, Kaiser K'ang Hsi (1662-73), zum Andenken an den 60. Geburtstag seiner Mutter auf der Spitze des Hügels einen Tempel erbauen ließ. Auch diese Sommerresidenz wurde 1861 von den Engländern und 1900 von den verbündeten Truppen zerstört und ausgeplündert; sie ist neuerdings zum Teil aufgebaut und dient dem Hofe während der wärmern Monate zum Aufenthalt. (Besichtigung am 5., 15. und 25. jedes chinesischen Monats gestattet, man melde sich spätestens drei Tage vorher bei der Gesandtschaft an, der Eintritt nur gegen auf Namen des Inhabers lautende Karte gestattet; Trinkgeld pro Person $ 1, Kahnführer extra.)—Etwas westl. liegt der ebenfalls von Kaiser K'ang Hsi angelegte älteste der kaiserlichen Sommergärten Ching-ming-yüan[Dyìng-ming-yüăn, »Park des ungetrübten Glanzes«], gleichfalls 1861 und 1900 zerstört, mit dem Hügel Yü-ch'üan-shan[Ü-tchüen-schăn, »Berg der Nephritquelle«]. Auf der Spitze des Hügels die weithin sichtbare Pagode Yü-fîng-t'a[Ü-fong-tá], von wo man eine herrliche * Aussicht über die kaiserlichen Sommergärten, die Pekinger Ebene und in die nahen Westberge hat. Der Eintritt ist gegen Trinkgeld 50 c. (für 1-2 Pers.) unschwer zu erlangen und solchen zu empfehlen, denen Besuch des Sommerpalastes wegen Zeitmangel unmöglich.

Am Fuße des Hügels entspringt unterhalb eines Tempelchens die Nephritquelle, die die künstlichen Teiche der kaiserlichen Gärten, den nach Peking führenden Kanal und die Stadtgräben und Teiche der Hauptstadt bewässert, deren weiterer Abfluß dann der in den Peiho[Bai-hōŏ, »Weißer Fluß«] mündende T'ung-chou-[Túng-djŏū-] Kanal ist. Über der Quelle die von Kaiser K'ang Hsi verfaßte Inschrift»Erste Quelle der Welt«und ein Lobgedicht des Herrschers über die Köstlichkeit des Quellwassers. —Südl. vom Quellteiche die noch erkennbaren Grundmauern des Sommerpalastes der Kaiser der Chin [Dyin-] Dynastie (1115-1234).
Westl. vom Yü-ch'üan-shan-Hügel erblickt man in den Schluchten der Westberge ( Hsi-shan[Chi-schan]) zahlreiche malerisch gelegene Klöster und die bis zu den Berggipfeln laufenden Mauern des kaiserlichen Jagdparkes Ch'ing-i-yüan[Tching-yi-yüan, »Park des lautern Behagens«], gleichfalls 1861 und 1900 arg mitgenommen, aber mit seinen Ruinen und Gartenanlagen immer noch sehr sehenswert. Der anschließende Berg heißt Hsiang-shan[Chiáng-schan, »Duftberg«]; die Sage berichtet, daß auf diesem Berge Shun, der letzte Sproß der Liao-Dynastie, die 1125 von den Chin vernichtet wurde, begraben ist.