Unter den seitens der Menschen dem Postverkehr bereiteten Hindernissen nahmen in früheren Zeiten Raubanfälle eine nicht geringe Stelle ein. Heutzutage kommt die Species des Posträubers, einzelne Ausnahmen abgerechnet, wenigstens in Europa nicht mehr vor. In außereuropäischen Ländern verhält es sich freilich noch vielfach anders. So wird in mejicanischen Postberichten wiederholt über arge Unsicherheit der Landstraßen im Innern des Landes geklagt. Auch in den Vereinigten Staaten von Amerika hat der Postillon häufig noch Kämpfe mit Indianern oder organisierten Räuberbanden zu bestehen. Im Verwaltungsjahre 1881/82 haben z. B. im Gebiete der Union nicht weniger als 387 gewaltsame Beraubungen von Postanstalten stattgefunden. Desgleichen werden die an sich spärlichen Postverbindungen in Syrien und anderen Teilen der asiatischen Türkei gelegentlich durch Überfälle seitens streifender Beduinenstämme beeinträchtigt. Was die Postdiebe betrifft, so ist deren Zahl eine so geringe, daß der allgemeine Gang der Postbeförderung davon völlig unberührt bleibt. Am nachteiligsten wirken auf den Postverkehr jedenfalls die Eigentümlichkeiten des die Post benutzenden Publikums.

Die pünktliche und richtige Beförderung mancher Sendungen wird z. B. durch Einlieferung an ungeeigneten Stellen verhindert. Da die Einlegung eines Briefes in den Briefkasten oder seine Abgabe am Postschalter im allgemeinen als eine höchst einfache Verrichtung gilt, so wird an Versehen, die hierbei vorkommen könnten, seitens des Publikums nur selten gedacht. Dem gegenüber ist indes aus dem Berichte des englischen Generalpostmeisters für 1877 die Thatsache anzuführen, daß in Aberdeen ein Mann bemerkt wurde, der sich viele Mühe gab, einen Brief in die Öffnung eines in Reparatur befindlichen Straßenhydranten hineinzustecken. Die Ähnlichkeit dieser Vorrichtung mit den in England mehrfach üblichen Säulenbriefkasten hatte, wie sich bei näherer Untersuchung des Hydranten herausstellte, bereits früher drei verschiedene Korrespondenten zur Niederlegung von Briefen in diesen für die Weiterbeförderung ungeeigneten Behälter verleitet. Dieser Vorfall steht keineswegs vereinzelt da. Von einer Dienstmagd in Husum wurde z. B. ein Gasuhrbehälter für einen Briefkasten gehalten. Es giebt überhaupt kaum eine nach der Straße zugehende Öffnung, die nicht gelegentlich von einem Unkundigen für den Spalt eines Briefkastens angesehen würde. Bei dem Postamte in Weimar nahmen die Annahmebeamten vor einigen Jahren wahr, wie sich ein Dienstmädchen eifrig damit beschäftigte, Briefe in das unter dem Posthausbriefkasten befindliche offene Kellerfenster zu werfen. Man fand, als man der Sache auf den Grund ging, im Keller eine ganze Reihe älterer Einwürfe und erfuhr, daß das Dienstmädchen von seiner Herrschaft den ausdrücklichen Auftrag erhalten hatte, die Sendungen nicht in den Briefkasten zu legen, sondern am Fenster abzugeben, worunter die Herrschaft allerdings das des Postschalters verstanden hatte.

Andere Hindernisse der Beförderung entstehen aus der Adressierung der Sendungen. In sehr vielen Fällen liegt die Ursache der undeutlichen, rätselhaften Adressierung in der Nachlässigkeit des Publikums, namentlich auch der kaufmännischen Welt, auf die Lesbarkeit der Unterschrift keinen Wert zu legen. Nur zu häufig kommt es vor, daß der Empfänger außer Stande ist, den Namenszug des Absenders zu entziffern. Was bleibt ihm bei Beantwortung des Briefes anderes übrig, als die Hieroglyphen desselben möglichst getreu in der Aufschrift nachzumalen! Gehört der Schreiber des Antwortbriefes überdies noch einer fremden Nation an, so ist bald eine Aufschrift wie „C. Stusbing & Coy — Berlin“ entstanden, mit welcher ein Brief an die Firma „Hübner & du Buy — Berlin“ richtig bestellt worden ist. Ebenso dürften die Herren Professor Dr. Ziurek und Louis Levin in Berlin überrascht gewesen sein, daß Briefe unter der falschen Flagge „Dr. Zurich“ beziehungsweise „Dr. Cziarek“ und „Louis Leome“ glücklich in ihre Hände gelangt sind, zumal dieselben eine Wohnungsangabe nicht trugen. — Wie die Ausländer vielfach gezwungen sind, den Namen der Briefschreiber aus den Schreiben herauszusuchen und nachzumalen, geht aus folgenden für einen Deutschen hochkomischen Aufschriften aus Frankreich und England hervor. Die eine Aufschrift lautet: „Monsieur Paul Parey, Ersucht Sie Ergebents à Berlin“, die andere: „Wiegandt, Hempel & Parey, Datum des Poststempels, Berlin.“

Eine andere Abart von rätselhaften Aufschriften ist dadurch entstanden, daß biedere Deutsche, welche mit Hacke und Pflug gut umzugehen verstehen, aber die Feder nicht mehr nach den Regeln der Kunst zu handhaben wissen, beim Schreiben an dem Grundsatze: „Schreib, wie du sprichst“, festhalten und die Buchstaben nach alter Erinnerung aus der Jugendzeit auf das Papier hinstellen. So lautet eine Aufschrift folgendermaßen: „An den Herrn wil Lah man zu kirg de linroh kreis kitinge“; der Brief wurde richtig an „Herrn Wilhelm Bachmann zu Kerstlingerode, Kreis Göttingen,“ bestellt. Noch verwickelter wird die Lösung solcher Schrifträtsel, wenn in der Aufschrift Fremdwörter vorkommen. Oft auch wird die Adresse von solchen, die des Schreibens recht wohl kundig sind, undeutlich geschrieben und so die Beförderung wesentlich erschwert. Infolgedessen gehen Briefe für Bonn gar nicht selten nach Rom; Celle wird wie Lille, Greiz wie Graz geschrieben. Barmen, Bremen und Brunnen sind bisweilen kaum zu unterscheiden, ganz zu geschweigen von Minden und Münden, Gemünden und Gmunden, Altona und Altena, Kassel und Kastel, oder Berkum, Beckum, Borkum, Borken, Bochum, Bornum und Bornim. Auch die ungehörige Hervorhebung von Nebensächlichem auf der Adresse kann für die Beförderung von Briefen verhängnisvoll werden. So sind für die Schweiz bestimmte Briefe nach China spediert worden, weil das Wort Kanton auf der Adresse mit mehr in die Augen fallenden Buchstaben geschrieben war, als der eigentliche Bestimmungsort. In ähnlicher Weise machte ein Brief an einen Breslauer Professor in dem schlesischen Bade Landeck, Haus Arcadien, die Reise nach Griechenland. Manche unserer schwerfälligen Korrespondenzformen tragen gleichfalls nicht zur Klarheit der Adressen bei. So reklamierte einmal das Postamt in Madrid einen Brief an Señor Wohlgeboren. Kein geringes Hindernis bei der Bestellung der Briefe bilden ferner die verschiedenen Sprachen. Ein dem Briefkasten in Lüneburg entnommener Brief nach Leghorn z. B. geht nach dem hannoverschen Orte dieses Namens. Der Absender aber war ein reisender Engländer, der mit Leghorn Livorno meinte.

Ganz besonders schlimm steht die Sache dann, wenn die Aufschrift gar keinen Bestimmungsort trägt oder wenn der Name des Empfängers gar nicht, die Wohnung des letztern jedoch nur ungefähr bekannt ist, oder — wenn die Aufschrift ganz fehlt. Aber auch da ist die Post nicht immer ratlos, wie aus folgenden paar Beispielen erhellt. Ein Brief aus Wien mit der Aufschrift „Paul Behnert, Sachsen, Äußere Auwinstraße Nr. 9“ gelangte nach Dresden und von da durch die Findigkeit eines Beamten nach Zittau, wo der Adressat ermittelt wurde. Ein Brief an „Onkel Hans in Braunschweig, Kohlmarkt“ kam nach kurzen Nachforschungen seitens des gewandten Briefträgers fast ohne Verzögerung an die richtige Adresse; ebenso fand der bestellende Bote ohne große Schwierigkeit den richtigen Empfänger eines Briefes aus Amerika, den ein kleines Mädchen „An Meinen lieben Papa in Niethen bei Pommritz“ abgesandt hatte.

Wie groß überhaupt die Zahl der unvollständigen, der falschen, der trotz aller Mühe unverständlichen Briefanschriften ist, darüber belehrt am besten die Statistik der unbestellbaren Briefe. Im Jahre 1884 z. B. wanderten nach der Berner Statistik von den Briefen des internen Verkehrs in das Retourbriefamt (engl. blind office, in Paris les catacombes de la poste genannt): in Deutschland 702235, in Großbritannien 5081713 und in der Union 4369999. Hiervon konnten noch nachträglich bestellt oder an ihre Absender zurückgeschickt werden: in Deutschland 532487 (75,8%), in Großbritannien 4760544 (93,6%) und in den Vereinigten Staaten von Amerika 1667455 (38,1%). Gänzlich unbestellt blieben: in Deutschland 169748, in Großbritannien 321169 und in den Vereinigten Staaten von Amerika 2702544. In den letztgenannten Staaten rührt diese große Menge gänzlich unbestellbarer Briefpostsendungen hauptsächlich daher, daß man sich in der Neuen Welt einer großen Eintönigkeit bei der Auswahl der Ortsnamen schuldig gemacht. Eines der neuesten Ortsverzeichnisse der Union weist beispielsweise 18 Berlin in den verschiedensten Staaten auf, wozu noch ein Berlin Centre, ein Berlin Heights und ein Berlin Croß Reads in Ohio, Berlin Falls in New-Hampshire, ein Berlinsville in Pennsylvanien und ein Berlinville in Ohio kommen. Neben 23 Columbia paradieren 23 Columbus, 11 Humboldt, zahllose Liberties und Freedoms, Unions und Unities, Franklins, Washingtons, Jacksons und Jeffersons. Die klassischen Neigungen Bruder Jonathans sind durch 16 Arcadia, 16 Athen, 19 Palmyra, 15 Homer, der Olymp selber durch 5 Minerva, 3 Ceres und 2 Juno vertreten. Auch in Deutschland pflegen die etlichen 20 Neustadt, die verschiedenen Freiburg, Karlsruhe etc. dem Absender weniger Kopfzerbrechen zu verursachen, als der Post, welcher die Wahl des richtigen Bestimmungsorts vielfach überlassen wird[94].

Selbst Briefe oder Postkarten ohne Adresse werden viel häufiger aufgegeben, als man anzunehmen geneigt sein möchte. Der Bericht des englischen Generalpostmeisters für 1880/81 konstatiert z. B., daß im Bereiche seiner Verwaltung in einem Jahre mehr als 27000 Briefe und Postkarten jeglicher Aufschrift entbehrten. Im Jahre 1883/84 betrug die Zahl derartiger Briefe 25628; hiervon enthielten noch dazu 1536 Stück Werteinlagen im Gesamtbetrage von 102160 M.

Vielfach ist auch die Beschaffenheit der Sendungen Ursache, wenn dieselben nicht zur Bestellung gelangen. Das gilt besonders von Gepäckstücken. So sind z. B. in New-York allein in einem einzigen Jahre infolge sorgloser Verpackung 4000 Drucksachen aus Europa als unbestellbar liegen geblieben. Meistens waren die Streifbänder abgefallen.

Zuweilen trägt die Qualität der dienstbaren Geister, welchen die Vermittlung zwischen der Post und der Herrschaft zukommt, die Schuld, wenn Sendungen gar nicht oder wenigstens nicht rechtzeitig an ihrem Bestimmungsorte eintreffen.

Manchmal machen wir die Post für unsere eigene Vergeßlichkeit verantwortlich. So wurde nach dem Bericht der britischen Postverwaltung des Jahres 1870 in einem Falle eine Anzahl Coupons zu Suez-Kanal-Aktien, welche als vermißt bezeichnet worden waren, in dem Papierkorbe des Empfängers aufgefunden, wohin sie dieser geworfen hatte, in der Meinung, es seien gewöhnliche Geschäftsanzeigen. Nach derselben Quelle wurde ein anderer, angeblich als Einschreibsendung aufgelieferter Brief hinter einem Schreibpulte in der Stube des Absenders selbst vorgefunden, und ein nach Paris bestimmter Brief, der 125000 Pfd. St. enthielt und ganz bestimmt als Einschreibbrief aufgegeben sein sollte, fand sich unter den gewöhnlichen Briefpostgegenständen unversehrt wieder. Ebenso wurde einem Pakete mit einer Uhr nachgeforscht, das an einen Londoner Uhrmacher gerichtet war, und dessen Empfangnahme von letzterem hartnäckig bestritten wurde. Schließlich wurde die vermißte Uhr in einem Schubkasten im Laden des Uhrmachers entdeckt.