Auf welch seltsame Weise Briefe ohne Verschulden der Post zuweilen zu Verluste gehen, dafür giebt uns der Bericht der amerikanischen Post- und Telegraphenverwaltung pro 1877/78 einen Beleg. Hiernach wurden nämlich Briefe, die durch einen an der Ladenthür eines Geschäftes befindlichen Briefeinwurf abgegeben worden waren, und welche infolge davon, daß auf der Innenseite der Thüre kein Briefkasten sich befand, auf die Erde fallen mußten, von Ratten unter die Dielen verschleppt. Dieselben kamen erst wieder zum Vorschein, als Ausbesserungen im Laden vorgenommen wurden.

Auch andere Tiere sind den Briefschaften schon verhängnisvoll geworden. So wurden Briefkästen nach dem Berichte Hydes wiederholt von Vögeln mit Beschlag belegt, die darin befindlichen Briefschaften aber auf die Straße geworfen[95].


Fünftes Kapitel.
Geschichte des Briefes, der Freimarke, der Postkarte und der Zeitungen[96].

1. Der Brief. Die Geschichte des Briefes verliert sich in das Dunkel der Sage. Nach Diodor stammt der älteste Brief der Welt von dem indischen König Stabrobates; derselbe war an die assyrische Königin Semiramis gerichtet. Mehrfach ist auch in der Bibel von Briefen die Rede, und selbst Homer läßt schon, wie jener Brief beweist, den der Argiverfürst Proitos arglistig dem Bellerophon nach Lycien mitgab, die Helden sich des Schreibens befleißigen. Nach neueren Forschern gebührt die Ehre der Erfindung des Briefschreibens der Königin Atossa, der Tochter des Cyrus und der Mutter des Xerxes. Am frühesten wurden indes Briefe wohl in Ägypten geschrieben, da dort schon in ältester Zeit durch die hohe Kulturentwicklung im allgemeinen, wie durch die Erfindung der Papyrusbereitung[97] für die Entwicklung des Briefverkehrs die entsprechenden Bedingungen gegeben waren.

Eine besondere Art der klassischen Briefformen ist der Stab- oder Rollbrief — die Skytale —, der in Lacedämon gebräuchlich war. Sollte nämlich eine Botschaft ergehen, so schlang man einen schmalen weißen Riemen, fest und genau schließend, um den Stab, schrieb das Nötige in der Längsrichtung des Stabes querüber auf die durch den aufgewickelten Riemen gebildete Schreibfläche, löste den Riemen wieder und schickte ihn so an den Feldherrn oder Staatsmann, für den die Botschaft bestimmt war. Dieser vermochte die jedem andern unverständlichen Zeichen nur dadurch zu entziffern, daß er den Riemen um den in seinen Händen befindlichen Stab von genau den gleichen Dimensionen schlang. So stellt der Stabbrief wohl die älteste Form eines Feldpostbriefes dar[98].

Verwandt mit dem lacedämonischen Stabbrief, wenn auch weniger in der Form, so doch hinsichtlich des hauptsächlichsten Gebrauches für geheime amtliche Mitteilungen, sind die Knotenbriefe oder Quipus der Inkaperuaner in Amerika. Sie bestanden im wesentlichen aus einem horizontal gelegten Hauptstrang, an dem verschiedene Schnüre herabhängend angebracht waren. Jeder dieser Stränge hatte eine besondere Hauptbedeutung, während die an denselben angebrachten Knoten, je nach ihrer Stellung und Form, die unter jenen Hauptbegriff fallenden Einzelheiten darstellten. Daß solche Knotenschnüre vor alters auch in China statt der Schrift in Gebrauch waren, erwähnt der Philosoph Lao-tse, ein älterer Zeitgenosse des Konfucius[99].

Fig. 45. Quipu (Knotenschrift).