Das Mittelalter zeigt eine nur mäßige Entwicklung des Briefschreibens in der verkehrsmäßigen Bedeutung des Wortes. Begründet ist diese Thatsache, abgesehen von der damals überhaupt ziemlich spärlich verbreiteten Kenntnis des Lesens und Schreibens, besonders auch in dem hohen Preise des Schreibmaterials, als welches nunmehr an Stelle des in Vergessenheit geratenen Papyrus das Pergament getreten war. Seinen Namen trägt dieses Schreibmaterial von der Stadt Pergamus in Kleinasien. Als nämlich König Eumenes II. (197–158 v. Chr.) in Pergamus seine große Bibliothek anlegte, soll die Eifersucht der Ptolemäer, die hierin eine gefährliche Nebenbuhlerschaft mit ihrer Weltbibliothek in Alexandrien erblickten, in dem Maße erregt worden sein, daß sie die Ausfuhr des Papyrus aus Ägypten gänzlich untersagten. Notgedrungen griff man nun in Pergamus zurück auf die alte Art der Bereitung von Tierhäuten, die man zugleich derart verbesserte, daß das neue Erzeugnis als charta pergamena sich bald großen Ruf erwarb[100].

Die bis jetzt erörterten Schreibstoffe waren der Entwicklung des Briefes wenig günstig; erst als durch die Erfindung des Lumpenpapiers[101] ein weit bequemeres, billigeres und allgemein zugängliches Material gewonnen worden war, nahm dieselbe einen ungeahnten Aufschwung.

Bald entwickelte sich auch ein besonderer Fabrikationszweig für „Brief- oder Postpapier“, das vor allem durch möglichst geringe Dicke und kleineres Format sich auszeichnet, daneben auch besondere Glätte und Feinheit in Stoff und Farbe zeigt. Es wird gegenwärtig in fast allen Kulturländern benutzt. An einzelnen eigenartigen Schreibstoffen fehlt es indes auch der Neuzeit nicht. So zeigt unsere [Abbildung] ein im Postmuseum zu Berlin befindliches Original eines zusammengewickelten Palmblattes aus Indien, das, mit einer Blattfaser verschlossen, auf der Außenseite die Adresse enthält.

Gleiche Wandlungen, wie der Stoff, auf den geschrieben wurde, erfuhr im Laufe von Jahrtausenden auch der Verschluß der Briefe. Der einfache Bast, mit welchem der indische Palmblattbrief noch heute verschlossen wird, mag von alters her, sobald man einmal den Gebrauch des Papyrus zu Briefen kannte, das gewöhnliche Verschlußmittel gewesen sein. Später ging man dazu über, die Enden der Schnüre sowohl bei Rollen, als auch bei den Wachstäfelchen mit Thonerde oder Wachs zu verschließen. Der Gebrauch der sogen. Siegelerde war namentlich in Asien heimisch, da nur in Kleinasien eine zu diesem Zwecke taugliche Thonerde gefunden wurde.

Fig. 46. Palmblattbrief.

Im Mittelalter unterschied man zwei Arten von Briefen: literae clausae und literae patentes. Bei den verschlossenen Briefen war das aus Wachs hergestellte Siegel auf dem Briefe selbst angebracht, so daß dessen Inhalt nur nach Erbrechen des Siegels dem Auge zugänglich war. Bei den literae patentes (den offenen Briefen) waren dagegen die Siegel nur angehängt, dienten aber so wesentlich zur Beweiskraft des Schriftstücks, daß schon eine Beschädigung des Siegels hinreichte, die Urkunde ungültig zu machen.

An die Stelle des Wachses trat, wahrscheinlich erst um die Mitte des 16. Jahrhunderts, der noch jetzt gebräuchliche Siegellack. Er soll aus China stammen und von dort nach Indien gelangt sein, von wo ihn die Portugiesen nach Europa brachten. Erwiesenermaßen ist derselbe in Breslau schon 1561 in Gebrauch gewesen; er scheint indes noch mehr als ein Jahrhundert als eine kostbare Seltenheit gegolten zu haben.

Wegen der umständlichen Behandlung, welche der Siegellack erforderte, griff man nebenbei auch zur Oblate[102], deren Verwendung eine ziemlich verbreitete wurde, doch konnte sie den Siegellack nicht ersetzen. In unserem Jahrhundert ist sie durch die gummierte Siegelmarke aus Papier fast ganz verdrängt worden; aber auch diese weicht jetzt vor den gummierten Briefumschlägen mehr und mehr zurück.