Die Sammlung des Postmuseums in Berlin enthält über 5000 verschiedene Arten von Postwertzeichen, von denen allein in Europa über 2500 ausgegeben wurden. Das Zimmer, in welchem dieselbe untergebracht ist, erfreut sich stets eines außerordentlichen Zuspruchs, wenn die Räume des Museums dem Publikum zugängig sind. „Gefährlich geradezu aber wird der Ansturm,“ wie Ferdinand Hennicke launig sagt, „wenn die Berliner Schulen Ferien haben. Dann marschiert Jung-Deutschland geschlossen in das betreffende Zimmer ein und wankt und weicht nicht von den philatelistischen Schätzen, bis die Glocke den Schluß der Vorstellung verkündet.“

Eines der bedeutendsten Hilfsmittel für den Sammler von Fach ist das Katalog-Album von Arthur Maury, ein mit wirklicher Gelehrsamkeit geschriebenes Buch.

3. Die Postkarte[108]. Die erste Idee zur Einführung von Postkarten ist von dem jetzigen Leiter des deutschen Reichspostwesens, Staatssekretär Dr. v. Stephan, ausgegangen. Derselbe hatte schon in seiner Dienststellung als Geheimer Postrat beim frühern preußischen Generalpostamte letzterem einen bezüglichen Vorschlag unterbreitet, war aber damit nicht durchgedrungen. Diese Denkschrift datiert vom Oktober 1865. Sie kam in Karlsruhe auf der fünften Postkonferenz zur Sprache und erweckte das besondere Interesse des geistreichen, weitblickenden Sektionsrats Kolbensteiner, des spätern österreichischen General-Post- und Telegraphendirektors. Durch dessen Einfluß und unter der Fürsprache des Professors Dr. Herrmann an der Militärakademie zu Wiener-Neustadt trat die Postkarten-Einrichtung für die österreichisch-ungarische Monarchie am 1. Oktober 1869 ins Leben. Die neuen Karten entsprachen völlig dem von ihrem Erfinder Dr. v. Stephan schon im Jahre 1865 ausgesprochenen Gedanken. Der sofortige Konsum in Österreich stellte sich für ein einziges Quartal auf 2930000 Stück. Deutschland führte die Postkarte im Juni 1870 ein. Die erste Ausgabe der norddeutschen Postkarten fand in Berlin am 25. Juni 1870 statt. Ein wie großes Verlangen nach dem neuen Verkehrsmittel sich geltend machte, und wie sehr dieses einem wirklichen Bedürfnis entsprach, geht daraus hervor, daß die Zahl der allein an diesem einen Tage in Berlin abgesetzten Postkarten 45468 Stück betrug.

Von nah und fern, sogar aus dem Westen Amerikas, gingen dem Generalpostamte nach Ausgabe der ersten Postkarten Danksagungsschreiben zu, mittels deren die Absender ihrer Freude über die neue Einrichtung Ausdruck verliehen. Besonders aber erwies sich die Postkarte im deutsch-französischen Krieg als ein ganz unschätzbares Hilfsmittel, in bündiger und gedrängter Kürze Nachrichten von einem beginnenden Kampfe oder von einer glücklich überstandenen Schlacht in die Heimat gelangen zu lassen. Von den Truppen wurde auch in der That von den Postkarten der umfassendste Gebrauch gemacht. Auf rund zehn Millionen beziffert sich die Zahl der bis Ende Dezember 1870 zwischen den Truppen und den Angehörigen in der Heimat gewechselten Karten. Jeder Postzug führte Massen von Postkarten mit sich, welche zum Teil auf den Schlachtfeldern auf den Rücken der Kameraden geschrieben worden waren, um den Angehörigen in der Heimat sogleich nach den gewaltigen Katastrophen die ersehnten Nachrichten über das Ergehen der Ihrigen zu bringen. Wie manche Thräne der bangenden Ungewißheit ist in jener Zeit durch den Eingang einer Karte getrocknet worden; wie manche verzweifelnde Gattin hat durch sie Trost und Beruhigung gefunden!

Die französische Regierung der nationalen Verteidigung folgte am 29. September 1870 sofort dem Beispiele Deutschlands; dann kamen nach dem Kriege die französischen Karten wieder in Fortfall, und erst Anfang 1873 wurden sie wieder eingeführt. Luxemburg dekretierte die Postkarten am 1. September 1870, die Schweiz am 23. Juli 1870, Großbritannien am 1. Oktober 1870, Belgien und die Niederlande am 1. Januar 1871, Dänemark am 1. April 1871, Finnland im Juni 1871, Schweden und Norwegen am 1. Januar 1872, Rußland an eben demselben Tage, Spanien verfügte die Postkarten-Einrichtung am 1. Dezember 1873, ebenso Serbien und Rumänien. Italien folgte am 1. Januar 1874, Griechenland 1876, Türkei 1877, Portugal 1878. Zu den einfachen Postkarten kamen bald solche mit Antwortkarten.

Das Reichspostamt hat von Privatpersonen mehrfach Proben erhalten, wieviel auf dies handgroße Blatt Papier geschrieben werden kann. Eine dieser Postkarten enthält, wenn auch mit einiger Mühe, so doch immer noch lesbar, mit Tinte geschrieben, die Gedichte: „Der Gang nach dem Eisenhammer“, „Der Graf von Habsburg“, „Der Handschuh“ und „Das Mädchen aus der Fremde“, was nach der Angabe des Einsenders eine Summe von 4255 Worten darstellt. Ein noch größeres Kunststück aber hat, Zeitungsnachrichten zufolge, ein Korporal in Hermannstadt geliefert, der auf die Rückseite einer einzigen Postkarte 8777 Worte geschrieben haben soll. Wenn diese Ergebnisse schon bei gewöhnlicher Schrift erzielt worden sind, so läßt sich denken, wie viel mehr noch die Postkarte ausgenutzt werden kann, wenn man die Stenographie zu Hilfe nimmt. In dieser Beziehung hat wohl ein englischer Stenograph das denkbar Möglichste geleistet; derselbe brachte es zuwege, auf eine großbritannische Postkarte, die der deutschen noch dazu an Größe nachsteht, 33363 Worte zu schreiben.

Das Reichspostmuseum in Berlin enthält eine Postkarte, welche die Reise um die Welt gemacht hat. Aufgegeben in Chemnitz am 12. November 1878 und zum Zwecke anderweiter Adressierung und sofortiger Weitersendung an die betreffenden auswärtigen Konsulate gerichtet, ist die Karte an ihrem Abgangsort am 11. März 1878, mithin nach 119 Tagen, wieder eingetroffen. Die betreffende Karte nahm ihren Weg über Neapel, Alexandrien, Suez, Shanghai, Nagasaki, Yokohama, San Francisco, Philadelphia, New-York und Queenstown.

Dasselbe Museum enthält auch eine Sammlung aller seit Einführung der Postkarten amtlich ausgegebenen Formulare. Die kleinsten aller Postkarten sind die der Insel Neufundland, welche eine Länge von 11,4 cm bei einer Breite von 7 cm haben. Die deutschen Sind um 3,0 cm länger und 1,8 cm höher. Daß überhaupt die Postkarten aller Länder in ihrer äußern Form so viel wie möglich übereinstimmen, ist eine Folge des Postvertrages, durch welchen festgestellt ist, daß sie eine bestimmte Größe, nämlich 14 cm in der Länge und 9 cm in der Breite, nicht überschreiten dürfen.