In der heiligen Schrift wird Gott überall dargestellt als der Lebendige — in sich selbst und für alle Wesen.

Dieses Leben offenbart sich auf eine doppelte Weise — als Wahrheit und Liebe in unendlicher Vollkommenheit und Einheit. In Gott ist Wahrheit auch zugleich Leben und Liebe, und umgekehrt. Nur der menschlichen Schwäche zeigt er sich bald in vorwaltender Wahrheit, bald in überwiegender Liebe.

Gottes Wort ist das Leben, welches von Anfang beim Vater war, und uns erschienen ist, aber auch vor, bei und nach seiner Erscheinung sich ausgesprochen — durch göttliche Lehre den Menschen sich geoffenbart, durch göttliche Thaten sich erwiesen hat.

Dein Wort ist die Wahrheit,“ sagt Christus betend zum Vater. Gottes Wort, wie es die heilige Schrift enthält, ist kein Menschenwort, d. i. „kein Licht ohne Wärme.“ „Das Wort Gottes ist lebendig,“ und beweiset sein Leben an allen Glaubigen durch Belebung. Durch Auge und Ohr dringt es zum Herzen, erregt und öffnet dasselbe höhern Einflüssen, die vom „Lebendigen“ ausgehen, und Licht und Leben mittheilen.

Darum wird auch in der heiligen Schrift Erkennen und Lieben als gleichbedeutend genommen. Von der innigsten Verschmelzung zweier Menschen in einer Liebe des ehelichen Bundes eben so, wie von der geistigsten Vereinigung in Liebe mit Gott wird derselbe Ausdruck gebraucht. (Matth. I., 25. Joh. X., 14–15.) Doch wohl ein sprechender Beweis, daß nach Gottes Sinn Erkennen und Wollen, Wissen und Thun, Wahrheit und Liebe Ein Leben bilden.

In und vor Gott giebt es also keine Wahrheit, die bloß Gedanke, bloßes Erkennen ist, und ohne Einfluß auf das Leben bleibt. Deßwegen spricht Christus vom Thun, d. i. vom Ausüben der Wahrheit; vom Leuchtenlassen des Lichtes, damit die Menschen unsere guten Werke sehen. In der That ein gottähnliches Verhältniß der Wahrheit und Liebe im Menschen!

Wer sich auf diesen Standpunct erhoben hat, den wird es nicht mehr befremden, daß durch göttliche Wahrheit im Menschen sich eine Seelenstimmung, ein Charakter ausbilde, den wir nicht besser bezeichnen können, als mit Wahrhaftigkeit. Diese ist der unverwandte Blick des Geistes nach der Erkenntniß der Wahrheit, die gerade, unverrückbare Richtung des liebenden Herzens nach Verwirklichung derselben, der getreue Abdruck derselben im Leben des Menschen.

Ein Leben in Wahrheit durch Liebe ist „ewiges Leben“, und macht das Innerste und Tiefste und Höchste im Menschen aus — sein eigentliches Wesen, seine Gottähnlichkeit.

Darum werden auch bei einem Menschen, in welchem sich Wahrheit mit Liebe gepaart und zur Wahrhaftigkeit ausgebildet hat, alle Handlungen natürlich; denn aus der wahren Erkenntnis, welche zugleich Liebe ist, geht eine Handlungsweise hervor, welcher der Mensch gerne, immer und unter allen Umständen getreu bleibt; welcher der nicht zuwider handeln kann, weil er nicht will; von welcher endlich alle Nebenabsichten, alles Gepränge, alle Ziererei, alle fromm sein sollenden Schnörkel, alle Einseitigkeit, Engherzigkeit, Sonderbarkeit &c. schlechthin ausgeschlossen ist und bleibt.