Wiederholt bezeugte der Richter die Schuldlosigkeit unseres Herrn. Da trieb sie verzweifelte Rachsucht wieder auf die erste Anklage zurück. Sie beriefen sich auf ihr göttliches Gesetz, welches Jesum zum Tode verurtheile, „weil er sich selbst zum Sohne Gottes gemacht habe.“ — Dieses Mal aber sprach wieder der heuchlerische Lügengeist laut aus ihnen. Das Gesetz belegte den Gotteslästerer und den falschen Propheten mit dem Tode der Steinigung[34]; mit welchem Rechte konnten sie diese Stellen auf Jesus anwenden? Hatten sie unpartheiisch geprüft? Waren sie mit Gottesfurcht dabei zu Werke gegangen? Man frage die Geschichte! Den wahren Grund dieser trügerischen Berufung auf das Gesetz geben sie mit zwei Worten an: „Er selbst,“ d. h. nicht durch uns hat er sich zum Messias aufgeworfen. Die wahrhaft göttlichen Lehren und Thaten Jesu waren kein Beweis seiner Sendung von Gott, weil sie ihn nicht gesandt, sie ihn nicht anerkannt, sie ihn nicht bestätiget hatten. Unmittelbar von Gott konnte eine solche Sendung nicht geschehen; die Häupter der Nation hatten dabei auch und vorzüglich mitzusprechen, ob der Messias die in ihren Schulen festgesetzten Kennzeichen an sich habe. Nur sie wußten die Propheten recht auszulegen. Daher schlossen sie nach den Regeln ihres heuchlerischen Verstandes: „ein Gotteslästerer und falscher Prophet muß gesteiniget werden — also Jesus, als falscher Messias, gekreuziget werden.“ —
Dieses Gewebe von Bosheit, Egoismus, Lüge und Neid konnte Pilatus unmöglich durchschauen. Aber auf ihn machte etwas anderes tiefen Eindruck, das Wort: „Sohn Gottes.“ Auch Heiden glaubten an Göttersöhne, freilich von sehr menschlicher Art;[35] an einem solchen wollte er sich nun doch nicht versündigen.[36] Daher stellte er Jesus darüber zur Rede. Die Erklärung, welche er erhielt, flößte ihm Hochachtung und Furcht ein. Jetzt war er gar nicht mehr geneigt, das Todesurtheil der Hohenpriester zu bestätigen. — — Menschenkinder! wendet euren Blick ab! Lasset Thränen der bittersten Wehmuth fließen! — — Die Heuchelei vollendet ihr teuflisches Werk.
„Wenn du diesen losläßest, so bist du kein Freund des Kaisers.“
Noch mehr:
„Wir haben keinen König, als den Kaiser.“
— „Da übergab ihn Pilatus ihnen, daß er gekreuziget würde — — —!“
Triumph! — Sie sehen ihn bluten! Sie weiden ihr mordsüchtiges Auge an dem Gekreuzigten! Eine ganze Hölle von wilder Lust befriedigter Rachsucht durchwühlt die laut pochenden Herzen der scheinheiligen Frevler! Wer findet dieß nicht natürlich?
Aber widernatürlich war es, des Unglücklichen, des Verfolgten, des Besiegten, des Gekreuzigten — spotten. So etwas konnten nur freiwillige Werkzeuge des Satans in Gestalt heiliger Gesetzlichkeit thun.