Jesus schwieg — aber so würdevoll, so mit allem Bewußtsein der Unschuld, daß der Scharfblick des Richters es leicht entdecken konnte, um so mehr, da es dem Pilatus nicht unbekannt war, „daß ihn die Hohenpriester aus Neid ausgeliefert hatten.“ Er nahm mit Jesus ein geheimes Verhör in dem Richthause vor, und überzeugte sich vollkommen von seiner Unschuld. Diese Ueberzeugung sprach er auch öffentlich aus. Welche Ehre für unsern Herrn! Welche Schande für seine Kläger!

Was wollten sie nun weiter thun? Wie ihren Racheplan durchsetzen? Der wüthendste Haß, die grimmigste Verfolgungssucht, gewissenloser Ehrgeiz ließ die frommen Väter alle Folgerichtigkeit der Gedanken, geschweige die Gerechtigkeit und Wahrheit, vergessen. Sie gaben die erste Anklage auf, und brachten eine ganz neue vor; „Er wiegelt das Volk auf, indem er in ganz Judäa umherlehret, angefangen von Galiläa bis hieher.“ Gewiß ein neues und bis auf diesen Tag unerhörtes Verbrechen! Jesus lehrte, also hat er den Tod verdient; so lautet die Schlußweise der Heuchler. Außer der Kürze fehlt nichts, als — Wahrheit.

Pilatus mußte die Verlegenheit und verhaltene Wuth der Elenden bemerken; doch wollte er es mit ihnen nicht ganz verderben. Daher faßte er das Wort: Galiläa, auf, um diesen Prozeß an Herodes hinüberzuweisen. Wie mußte sie dieser Aufschub ärgern! — Wer fände aber schwarze Galle und herbe Worte genug, um den Ingrimm dieser Menschen zu schildern, als auch Herodes, ihr Landsmann und Glaubensgenosse, nicht auf Tod erkannte! Und sie hatten sich so viele Mühe gegeben, Jesus recht kräftig zu verklagen bei dem Könige, der aber doch die schweigende Unschuld beredter fand als die klatschende Lüge!


Als die Juden unsern Herrn von Herodes zu Pilatus zurückbrachten, erklärte dieser neuerdings, daß er ihn nicht verurtheilen könne. Geißeln wollte er ihn lassen — den Unschuldigen! — nur um den Blutdurst der Hohenpriester einiger Maaßen zu befriedigen.

Diese Gesinnungen des römischen Richters trieben den Todeshaß bis zur gränzenlosen Wuth. Nicht einmal falsche Anklagen, keine Scheingründe stunden ihnen zu Gebote; sie mußten beinahe verzweifeln, als ihnen die erfinderische Leidenschaft doch noch ein Mittel an die Hand gab — Geschrei des Aufruhres.

Glücklicher Weise bot ihnen Pilatus, zum Theil auf Verlangen des Volkes, die Loslassung eines zum Tode verurtheilten Verbrechers an, als Zeichen, daß ehemals sie selbst das Recht über Leben und Tod gehabt hatten. Die Zeit, welche verstrich, bis Barabbas herbeigebracht wurde, und bis Pilatus die Nachricht vom Traume seiner Frau beantwortete, benützten die erbosten Schlauköpfe meisterhaft; sie vertheilten sich unter die Haufen des Volkes, erhitzten durch alle Mittel, welche ihnen als Aeltesten, Priestern, Gesetzgelehrten, Scheinheiligen zahlreich zu Gebote stunden, die beweglichen Gemüther, besonders der Einwohner der Hauptstadt, und brüllten nun in immer steigendem Ungestümme dem vermittelnden Richter ihr entsetzliches „Kreuzige!“ entgegen. Dieses unsinnige Geschrei mußte jetzt alle Gründe ersetzen, alle Stimmen des Gewissens übertäuben, die natürlich für den wohlthätigen Lehrer gegen den verderblichen Mörder entschieden hätten. Unglaublich wäre diese Verblendung der Heuchler selbst und ihrer Verführten, wenn nicht die heilige Geschichte sie bestätigte.


Noch machte Pilatus einen letzten Versuch, Jesus wenigstens am Leben zu erhalten. Er ließ ihn die grausame römische Geißelung bestehen, um so das Mitleiden gegen den mißhandelten Unschuldigen zu erregen. Allein theils die zwecklose, muthwillige Verspottung der Königlichen Würde des Messias, theils die unermüdliche Geschäftigkeit der Vornehmen, für die väterliche Religion scheinbar eifernden Volksverführer erstickte alles menschliche Gefühl. Gräßlich donnerte die Schaar der Hohenpriester und ihrer Geistessklaven dem Pilatus ihr Todesgeschrei entgegen.