Den eifervollen Wächtern über das Gesetz, welches oft so menschenfreundlich und milde den Schwachheiten der Menschen begegnet, macht es unstreitig alle Ehre vor den Augen Gottes und der Menschen, daß sie den verurtheilten Lehrer dem niederträchtigsten Muthwillen der rohesten Henkersknechte die ganze Nacht hindurch Preis gaben. Ein ächtes Kennzeichen ihrer rabbinischen Menschenliebe, die sich wohl an einem Gotteslästerer nicht versündigen konnte, wenn sie ihn auch noch so sehr mißhandelte!


Der Tag brach an; noch einmal versammelte sich das Synedrium, wahrscheinlich, weil am Abende vorher in der Eile nicht alle Mitglieder erschienen waren. Dazu kam noch, daß eine wiederholte Untersuchung der Sache des Gefangenen, einen großen Schein der Bedachtsamkeit, Unpartheilichkeit und Gewissenhaftigkeit auf sie warf.

Jesus wurde vorgeführet, neuerdings gefragt, ob er der Messias sei? Er blieb seiner Aussage getreu, so wie dem Beisatze, daß er bald zur Rechten Gottes sitzen, d. h. sich in seiner Herrlichkeit als Welterlöser befinden und durch Thaten beweisen werde. Wie hätten seine Richter es über sich vermocht, ihm dieses Wort zu glauben! Widersprach nicht sein ganzer gegenwärtiger Zustand gerade zu dieser Erklärung? Ja, sie trug nur dazu bei, sie vollends irre zu machen; denn Wahrheit und Gottes Wege waren nun einmal ihre Sache nicht.

Wirklich nahmen sie auch darauf so gar keine Rücksicht, daß sie nur hastig wieder die Frage stellten: „Du bist also der Sohn Gottes?“ — Wer greift es nicht mit Händen, was sie eigentlich wollten? Jesus sollte rund heraus und einfach bekennen: „Ja, ich bin es;“ dann hatten sie, was sie suchten — Gelegenheit und Recht ihn zu verurtheilen. Er that es, und sie fanden ihn todeswürdig. Falsche Zeugen waren jetzt nicht mehr nöthig; dieses ehrenvolle Amt übernahmen sie selbst; denn sie hatten es mit eigenen frommen Ohren vernommen, wie er sich für den Messias ausgab, da er es doch nicht war, nicht sein konnte.


Rachsucht und Mordlust verunreinigte keinen Pharisäer, aber der Pallast des Pilatus hätte unfehlbar so etwas bewirkt, wenn sie denselben am frühen Morgen des festlichen Tages betreten hätten. Damit sie also mit gutem Gewissen „das Passamahl essen konnten“, ließen sie Pilatus zu sich herauskommen, als sie Jesus gebunden zu ihm führten.

Der Römer mochte schon durch die frühe Zudringlichkeit und durch die Bitte, heraus zu kommen aus dem Pallaste gereizt sein; die Feinde Jesu waren es nicht weniger dadurch, daß sie sich gezwungen sahen, das Todesurtheil durch Pilatus bestätigen zu lassen, weil sie ihre Unabhängigkeit an die Römer verloren hatten. Daraus erklärt sich die allgemeine, unbestimmte, stolze Anklage: „Wenn er nicht ein Verbrecher wäre, so hätten wir ihn dir nicht überliefert.“ Pilatus sollte also Jesus zum Tode verurtheilen, bloß weil der hohe Rath es wollte. Welche Leidenschaftlichkeit! Da erwachte aber der Stolz des Welteroberers in dem Römer, und er ließ die trotzigen Ohnmächtigen ihre ganzes Schwäche in beißendem Spotte seiner Antwort fühlen: „Nehmet ihr ihn, und richtet ihn nach eurem Gesetze.“

Jetzt mußten sie ihr Unvermögen, Jesus ohne Mitwirken des Pilatus zu morden, eingestehen, und zugleich den eigentlichen Klagepunkt genauer angeben. Dieß war kein anderer, als: „Er wolle König — Messias der Juden sein.“ — Die Hohenpriester machten bei Jesus ein Todesverbrechen — vor dem Ausländer, Pilatus — aus dem, was sie an Jedem gelobt und verschwiegen hätten, der nach ihrem Sinne Messias hätte sein wollen, der vom Vater versiegelte sollte am Kreuze verbluten!!! —

Uebersehen dürfen wir es dabei nicht, welche Kunstgriffe sie anwandten, der Klage eine Gestalt zu geben, die auch den Römer in ihr Interesse ziehen sollte, „Wir finden, daß er das Volk verführt, und es abhält, dem Kaiser den Tribut zu geben, indem er sagt, Er sei der Gesalbte, der König.“ Ein herrliches Probestückchen, wie viel sie schon von „ihrem Lügenvater“ gelernt hatten!