Annas, der Schwiegervater des Kajaphas, war der Erste, vor welchen Jesus gebunden, als Verbrecher, gestellt wurde. Wer schaudert nicht zurück? „Der Allerheiligste“ steht vor dem Sünder zu Gericht. Der alte Hohepriester fühlte sich geschmeichelt und hochgeehret, daß man den Todfeind aller Gleißner so geraden Weges im Triumphe zu ihm führte. Ihm schwoll das vom Göttlichen leere Herz; sein lüsternes Auge weidete sich an dem gefesselten Nazarener; seine Miene verkündete Sieg und Tod; in Haltung und Ton ein Richter „fragte er Jesus über seine Jünger und über seine Lehre.“ Der Schlaukopf! Ueber etwas, wovon er selbst Augen- und Ohrenzeuge war, was Jedermann in Jerusalem wußte, legte er gerichtliche Fragen vor — damit Jesus sich selbst verstricken sollte. So waren diejenigen beschaffen, zu welchen die Schrift sagte: „Ihr seid Götter,“ d. h. als Richter Gottes Stellvertreter! Was soll man erst noch zu der Handlung des Schergen sagen, der Jesus in das Gesicht schlug? Nicht falsche Demuth, sondern tiefes Gefühl seiner menschlichen und göttlichen Würde leitete unsern Herrn; bei Niederträchtigkeiten, die man sich gegen ihn erlaubte, schwieg Er nicht; aber sein Richter, der Hohepriester, schwieg!! —


Annas war jetzt schon befriediget; er schickte Jesus zu Kajaphas. Ein neuer, merkwürdiger Auftritt! Hier fanden sich gewesene Hohepriester, Aelteste des Volkes und Schriftgelehrte zahlreich noch am späten Abend ein. Wie sehr sich doch diese Herren Gottes Sache angelegen seyn ließen! Sogar die Ruhe der Nacht opferten sie ihrem heiligen Mordgeschäfte auf!

„Das ganze Synedrium suchte falsche Zeugen gegen Jesus.“ Bestund denn das Synedrium nur aus Pharisäern? Unstreitig befanden sich auch viele Sadducäer darunter, da die Reichen und Vornehmen häufig dieser Sekte zugethan waren. Und mit diesen Unglaubigen vereinigten sich die Pharisäer? Warum denn nicht, wenn es den Tod des Nazareners galt, der beiden Partheien gleich verhaßt war? Ein höchst merkwürdiger Zug in dem Charakter dieser Heuchler!

„Sie suchten falsche Zeugen gegen Jesus, um ihn zum Tode zu bringen.“ Die höchste Gerichtsstelle des Landes hielt feierliches Verhör, nicht um über die Schuld oder Unschuld unseres Herrn genaue Erkundigung einzuziehen, sondern um ihn unter dem Schutze von gerichtlichen Formen zu morden. So glaubten sie ihr eigenes Gewissen belügen und Gott und Menschen über und um sich täuschen zu können.

Allein der fein ausgedachte Plan scheiterte; die Zeugen widersprachen sich oder wichen wenigstens in ihren Aussagen zu weit von einander ab. Sie vermochten damit nicht einmal scheinbar den Forderungen des oft so leicht zu befriedigenden Rechtes zu genügen. Was die schlimme Sache noch mehr verdarb, war das unerwartete, entschlossene, würdevolle Stillschweigen des Beklagten, der, selbst vom Hohenpriester aufgefordert, nicht eine Sylbe zur Widerlegung der lügenhaften Zeugen vernehmen ließ. So war es unmöglich, ihn ins Garn zu bringen. Was blieb ihnen nun übrig? Nur ein verzweifelter Schritt, wenn sie anders zum sehnlichst erwünschten Ziele gelangen wollten. Kajaphas trat in eigener hoher Person auf, und nahm unserm Herrn unter einer Eidesformul das Geständniß ab, daß er der Messias sei. Mit welchem Rechte, nach welchem Gesetze konnte er den Beklagten seine eigene Anklage mit einem Schwure vor Gott bekräftigen lassen?! Welch’ ein ungeheurer Mißbrauch richterlicher Gewalt und Würde! So gründete Heuchelei ihr Unrecht auf die Gewissenhaftigkeit des Angeklagten!!

Jesus ließ sich dieses aus Gehorsam gegen den heiligen Willen seines Vaters und aus Liebe zu uns gefallen; er „bekannte das schöne Bekenntniß“, der Hohepriester zerriß im heiligen Zorn darüber sein Kleid, das Synedrium, von ihm aufgerufen, fand den Sohn Joseph’s des Todes schuldig. Darin nun waren sie keine Heuchler; denn Kajaphas und seine Genossen waren wohl fest überzeugt, daß Jesus der Messias nicht sein könne. Nur in der Art und Weise, wie sie zu diesem Schlusse kamen, lag Heuchelei.