Jesus hingegen verließ in der ruhigsten Fassung den Tempel. So scheidet die sinkende Sonne im sanften Abendschimmer, wenn sie die Gewitter des Tages besiegt hat. Düster entfliehen die verheerenden Wolken in das Dunkel der Nacht.
Tag war es, wo Jesus sich aufhielt, Nacht, wo die Schriftgelehrten und Aeltesten des Volkes sich versammelten. Er saß auf dem Oelberge, Jerusalem gegenüber, warf tiefe Blicke in die Zukunft, gab hohe Lehren, sprach von seiner Wiederkunft mit seinen Jüngern — „und als er alle diese Reden vollendet hatte, sprach er zu seinen Jüngern: Ihr wisset, daß nach zwei Tagen Ostern ist, und daß der Sohn des Menschen übergeben wird, um gekreuziget zu werden.“ — „Die Hohenpriester und die Schriftgelehrten und die Aeltesten des Volkes versammelten sich in dem Pallaste des Hohenpriesters, der Kajaphas hieß. Und sie hielten Rath, wie sie ihn mit List ergreifen und tödten könnten.“ (Matth. XXVI, 1–4.)
Lebendiger ließen sich wohl die Gegensätze nicht schildern, aber auch richtiger die Stimmung beider Theile nicht darstellen, als es der Evangelist hier mit wenigen Zügen thut. Jesus wußte, was er zu erwarten hatte — den Tod. Die Pharisäer waren gewiß, was sie ihm anthun wollten — den Tod. So kamen sie einander entgegen; er gieng hin, wie sein Vater es wollte; sie suchten zu vollbringen, was ihr Vater liebte. Er hatte seinen Angriff offen gethan; sie sannen auf Hinterlist. So geziemte es der Wahrheit und der Lüge.
„Ja nicht an dem Feste, damit kein Auflauf unter dem Volke entsteht!“ — Sehet da die Helden des Tages der jüdischen Welt! Sehet die Häupter Israels! wie sie zittern vor dem kräftigen Wahrheitssinne des „Erdenvolkes“, wie sie es nannten! Wäre Christus der große Verbrecher gewesen, für den sie ihn, von ihrer Leidenschaft gezwungen, hielten, so hätten sie ihn ohne Bedenken am hellen Tage ergreifen, und zum warnenden Beispiele für Alle am Feste hinrichten dürfen. Allein ihr eigenes Gewissen bezeugte ihnen das Gegentheil; daher die nur zu gegründete Furcht, als Prophetenmörder betrachtet und behandelt zu werden. Charakterlose Menschenscheue ist wesentliches Kennzeichen der Heuchelei. —
Und doch konnten sie es nicht über sich gewinnen, in ihren Herzen von den Mordanschlägen abzustehen. Ihre Religiosität forderte blutige Rache. Aber wie sollten sie zum Zwecke kommen bei der Vorsicht und Klugheit Jesu? Dieser Verlegenheit wurden sie unerwartet entrissen — durch Judas. Teuflischer Verrath des Jüngers an seinem Meister, des Freundes am Freunde! Wer wird ein solches Anerbieten nicht mit Abscheu von sich stoßen? Die Pharisäer — „sie freuten sich!!“ (Matth. XXVI, 14–16. Mark. XIV, 10–11.). — Göttlicher Erlöser! was wird dein Herz voll gränzenloser Menschenliebe empfunden haben, als Du im Geiste sahest, wie süßes, gräßliches Entzücken altväterlicher Lust am Prophetenmorde die rabbinischen Herzen deiner Feinde durchbebte! — —
Wäre Judas nicht von Neid und Geiz geblendet gewesen; er hätte in den funkelnden Augen, in den freundlich grinsenden Mienen, in der gebrochenen, gehaltenen Sprache, selbst in erkünstelten Lobsprüchen der Hohenpriester ihr böses Herz und ihre frömmelnde Gottlosigkeit deutlich lesen können. Aber so fesselten ihn die „dreißig Silberlinge“ um so mehr, je feiner sie ihn als den einzigen Redlichen, Wahrheitsliebenden unter der verruchten Schaar herausstrichen, je schmeichelhafter sie den gehorsamen Sohn rühmten, der den Vätern des Volkes getreu die Hand bot, den verderblichsten Betrüger wegzuräumen. Auch ohne Satans eigenste Verführung waren solche Ausdrücke hoher Freude, die noch dazu — freilich sehr dünne — versilbert wurden, beinahe hinreichend, den Judas zum entsetzlichsten Verbrechen fortzureißen.
Judas hielt genau sein Wort. Vielleicht wäre Jesus schon beim letzten Mahle überfallen worden; allein dieß hatte er dem Judas unmöglich gemacht, weil er den Petrus und Johannes in die Stadt vorausschickte, ohne das Haus und den Eigenthümer näher zu bezeichnen, als durch Umstände, die nur ein mehr als menschlicher Blick ihm entdecken konnte. In Gethsemane wollte er seine Gefangennehmung nicht mehr verhindern; „denn seine Stunde war gekommen.“ Da verrieth Judas, als würdiger Schüler der Pharisäer, den Sohn Gottes und des Menschen durch einen Kuß — das schönste Zeichen der innigsten Liebe und Freundschaft!
Scharf bezeichnend ist die Anrede unseres Herrn an die Schaar, welche ihn überfallen hatte: „Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwerdtern und Stangen. Obwohl ich täglich bei euch im Tempel war, habt ihr doch die Hände nicht nach mir ausgestrecket. Doch dieß ist eure Stunde, und die Macht der Finsterniß.“ Das graußenhafte Dunkel der Nacht war das beste Sinnbild ihrer Denkart, ihrer Plane, ihres getreuesten Verbündeten — des Vaters der Lüge und des Mordes. Wie tief läßt uns Jesus in die Abgründe des Lasters der Heuchelei blicken!!