Es ist bekannt, daß Berührung eines Todten gesetzlich verunreinigte.[32] Daher flohen die Juden selbst Grabstäten, damit sie dem Gesetze nicht zu nahe traten. Wer unwissend an einen solchen Platz kam, und es hintennach entdeckte, war allemal in seinem Herzen unruhig, ob er nicht unrein sei; und er nahm es lieber an, als daß er das Gesetz verletzte. Daraus wird es denn auch begreiflich, daß das Tünchen und Einfassen der Grabmäler nicht bloß eine Ehrenbezeugung für die Verstorbenen, sondern auch eine Warnung für die Lebenden war.

Treffend benützte Jesus diese Sitte in beiden Rücksichten, um den Charackter der Heuchler bis zum Leben ähnlich zu zeichnen. Einmal galten die Pharisäer wegen ihrer Gesetzlichkeit in den Augen der Meisten für Leute, von denen für Tugend, Ehre und Gut nicht nur nichts zu fürchten, sondern wohl noch Gewinn zu erwarten war. Deß ungeachtet waren sie Ehebrecher, Verläumder und Geizhälse. Es gieng also den Leuten mit ihnen, wie mit unbekannten Grabstäten. — Wer aber wie Jesus, den Lügengeist dieser Menschen kannte, ließ sich durch kein tugendhaftes und religiöses Gepränge täuschen; ein böses und verkehrtes Herz grinsete als Schreckgestalt aus der Larve der Heiligkeit. Auch die schönste Grabstätte betrat der Jude nicht ohne Noth, weil Aas und Knochen darin waren. Vielmehr machte ihn eben die weise Farbe des Grabes noch aufmerksamer. So ergieng es auch Jesus mit den Heuchlern seiner Zeit! — —

Sichtbar wurde Jesus zu diesem charackterischen Zuge der Pharisäer hingeleitet durch den unmittelbar vorhergehenden Gedanken von der übertriebenen und verkehrten Sorgfalt für Reinigung der Schüsseln &c. Aber eben durch diesen Zusammenhang springt die innere, sittliche Unreinigkeit und die gleißnerische Denk- und Handlungsweise der Pharisäer um so mehr in die Augen; so wie sich im Verfolge die Rede von den Grabstäten der Propheten höchst natürlich anschließt.

Die Pharisäer setzten ein großes Verdienst darein, die Grabmäler der Propheten mit frommer Spende zu schmücken. Daß sie dabei lange Gebete sprachen, die Tugenden und den hohen Glaubensmuth der Männer Gottes anpriesen, zu ihrer Nachahmung nach ihrer Art ermunterten, versteht sich von selbst. Wer sollte es von solchen heiligen Sprachmaschinen anders erwarten? Nicht genug; sie tadelten noch die früher verstorbenen Israeliten — „ihre Väter“ —, daß diese die Propheten gemordet hatten. Auch dieser fromme Unwille wurde gewiß mit allem äußerlichen Ernste und Abscheu ausgesprochen. Allein Jesus fand gerade in alle diesem Machwerke das wahre Kennzeichen, daß sie „Söhne der Prophetenmörder seien“, d. h. nicht nur leibliche Nachkommen, sondern auch Erben ihres Sinnes und Nachahmer ihrer Thaten — an Jesus und seinen Jüngern!!! — Diese neuen göttliche Gesandten waren ihnen eben so unwillkommen, als ihren Vätern die frühern; denn sie widersprachen ihren Lehren und Thaten zu laut und zu stark, als daß ihre versteckten Leidenschaften nicht hätten hervorbrechen und die giftigste Rache an diesen „Söhnen Gottes“ nehmen sollen.

Furchtbar ertönt von da an die Stimme des Weltrichters; Donner Gottes sprechen aus seinem Munde, um die Frevler heilsam zu erschüttern, und von blutigen Thaten zurückzuschrecken — umsonst! wie konnte ihnen der verachtete Galiläer mit Drohung göttlicher Gerichte etwas abgewinnen, da sie seine göttlichen Thaten verworfen hatten!

Jesus wußte das; nur wollte er auch dieses letzte Mittel der innigsten und thätigsten Feindesliebe nicht unversucht lassen. Sie ließ er nun ihren Weg zum Verderben ziehen; allein sie rissen Stadt und Land mit sich hinein. Dieser Gedanke gab dem Affekte unseres Herrn eine ganz entgegengesetzte Richtung. Statt der Richtersprüche ertönte die wehmüthige, mitleidsvolle Stimme der zärtlichsten Vaterlandsliebe, welche die Ihrigen blind und taub dem Untergang entgegeneilen sah. Wie rührend klagt er! Wer preßte dem göttlichen Herzen solche Trauertöne ab? Heuchelei! — O, laßt uns fliehen vor dieser giftigsten aller Ausgeburten der alten Schlange! Lassen wenigstens wir uns warnen, da es die Zeitgenossen nicht thaten! Jesus spricht so deutlich, so ernst, so liebevoll zu uns; hören wir ihn doch, da es noch Heute ist!! —

XX.
Jesus wird von den Pharisäern an das Kreuz gebracht.[33]

Kaum dürfte Jemand im Stande sein, sich eine deutliche Vorstellung von dem zu machen, was die Pharisäer bei dieser Strafpredigt empfunden, gedacht und gewünschet haben. Scham über ihre entlarvte Gleißnerei, Selbstanklage des Gewissens, welches gebrandmarket war, Ingrimm über ihr vermindertes Ansehen, Rachsucht bis zur Mordlust, peinliche Verlegenheit über die Mittel und Wege, diesen gefährlichen Mann wegzuräumen, Furcht vor dem Volke, ängstliches Ringen, die fromme Haltung nicht zu verlieren, und dem Galiläer den Sieg zu lassen — und wie manche andere Gefühle, Gedanken und Begierden mögen in ihren Herzen gewechselt haben! —