Jetzt wird es Jedermann erst ganz begreifen, warum die Pharisäer unsern Erlöser ausspotteten, als er sprach: „Ihr könnet nicht Gott und dem Mamon dienen.“ Ihre Frömmigkeit war nur Götzendienst, weil sie nur auf Ehre und Gewinn berechnet war; eine solche Herzensreinheit, wie Jesus forderte, konnten sie sich nicht einmal denken, vielweniger war ihnen dieselbe aus Erfahrung bekannt; also kam sie ihnen belachenswerth vor! — welche Blindheit!

Aber dem Hohngelächter derer, die nicht wußten, und nicht wissen wollten, was es heiße, „reich bei Gott sein,“ trat die Parabel vom reichen und armen Manne mit furchtbarem Ernst in den Weg (Luk. XVI, 13–31). Sollten wir dabei nicht nachdenkend werden, und uns vor den schrecklichen Folgen der Heuchelei, welche frommen Schein mit Geiz verbinden will, zu verwahren suchen?

Ueberhaupt waren die Ansichten unseres Herrn über Opfer und Gaben ganz antipharisäisch. Er konnte mit ihnen unmöglich zu recht kommen. Sie zählten das Geld, wogen das Fleisch, schätzten das Mehl, welches geopfert wurde, weil sie davon genoßen; Er sah auf das Herz, nicht auf die Hand des Opfernden. Rührend ist daher das Lob, welches er der Wittwe spricht, die einen Heller — ihr ganzes Vermögen! — opferte (Mark. XIII, 41–44. Luk. XXI, 1–4).


Den Zehnten zu geben, war für jeden Israeliten heilige Pflicht, weil das Heiligthum und seine Diener davon unterhalten wurden. Eigennutz mochte Viele verleiten, wenig oder doch Schlechtes zu liefern. Die Pharisäer machten aber hierin eine ehrenvolle Ausnahme. Niemand gab den Zehnten pünktlicher, als sie; ja sie entrichteten denselben sogar von den kleinsten Gartengewächsen, deren keine Erwähnung im Gesetze geschah. Legten sie da nicht eine handgreifliche Probe ihrer Gewissenhaftigkeit und ihres gesetzlichen Eifers an den Tag? Jesus will nichts davon wissen; er sieht auch hier nur wieder Heuchelei, weil sie die Hauptsache — „Gerechtigkeit, Liebe Gottes, Barmherzigkeit und Treue“ vernachläßigten. Diese erklärt er für unumgänglich nothwendig; den Zehnten „von Münze, Till und Kümmel“ sollten sie geben. Er legte also den Nachdruck gerade wieder auf Etwas, wovon die Heuchler nichts hören wollten. Bei ihm war Gottesfurcht und Frömmigkeit nicht so leichten Preises zu erkaufen, wie bei ihnen; da reichten ein paar Kräuter hin, den Ruf der Heiligkeit zu gründen; Er forderte Thaten der Gottes- und Menschenliebe.

Nur gar zu gerne fühlen wir uns um so viel besser, als die allgemein verhaßten Pharisäer, weil wir nicht eben denselben Fehler begehen — mit Zehnten; aber sind wir denn immer so frei von dem Vorwurfe, daß wir auf Kleinigkeiten großen Werth legen, und wichtige Dinge oft leichtsinnig übersehen? „Blinde Wegweiser! die ihr Mücken seihet, und Kameele verschlucket!“


Die gesetzlichen Reinigungen lagen zur Zeit unseres Herrn allen Juden sehr am Herzen; Niemand aber war in diesem Stücke ängstlicher, als die Pharisäer. Ihre Genauigkeit gieng bis zur Quaal für sich und Andere. Dabei hatte aber ihr Geist eine Richtung genommen, welche dem ächten und tiefen Schriftsinne ganz entgegen war. Lüge unter dem Scheine der Wahrheit charakterisirte sie durchaus, doch kaum irgendwo stärker, als hier. Da aber eben diese scheinbare Sorgfalt für das Gesetz den großen Haufen ungemein blendete, und in den Pharisäern etwas Großes und Heiliges erblicken ließ; so deckte Jesus den heiligen Betrug schonungslos auf, und stellte ihre innere Häßlichkeit zur Schau dar. Er zeigte, wie sie beim Aeußern stehen blieben, und das Innere vernachläßigten; als wenn Gott nur jenes, nicht auch dieses geschaffen hätte, und nur jenes, nicht auch dieses, und zwar vor jenem rein erhalten haben wollte. Wie grell treten nun die Gegensätze hervor! Die Heuchler reinigten und fegten die Schüsseln, und die Speisen darin waren geraubtes Gut; sie wuschen die Hände, und das Herz sann auf Ungerechtigkeit; sie machten vor Gott Bücklinge, und unterdrückten seine Kinder. Ihre Religion klebte also an Tellern, Tischen, Sesseln, Kleidern und Füßen — überall; nur das Herz gieng leer aus. Gott war ihr Herr über den Leib, aber die Seele hatte kein Verhältniß zu ihm.

Bequem war eine solche Gottesverehrung unstreitig auch wieder, so sehr sie sonst beengte. Sie kroch mit dem Leibe vor Gott, blendete die kurzsichtigen Sterblichen, und unterstützte alle Ränke der niedrigsten Leidenschaft. Drei Zwecke mit Einem Mittel! Welch’ ein Meisterstück in der Kunst zu leben!

Jesus schlug eine ganz andere Art, die Speisen zu reinigen vor. „Gebet von dem, was darin ist Almosen; und sehet, Alles ist rein für euch!“ Er wußte gar wohl, daß die Pharisäer hartherzig und lieblos waren, und doch keinen Fehler an sich sahen, weil sie Gott äußerlich so viele Ehre erwiesen, und wohl noch etwas über sein Gesetz hinaus thaten, um sich für ihre Lieblingsneigungen ein Privilegium zu erschleichen; denn sie liebten nicht Gott, nur sich selbst. Darum sagte Jesus: Das Reinigen der Schüssel ist gut und gesetzlich; aber euren Händen könntet ihr eure überspannte Mühe ersparen, und sie zu etwas Besserm anwenden, als zu ewigem Fegen und Waschen. Theilet den Armen von euern Speisen mit! Machet auch diesen einen frohen Tag! So werden eure Speisen Gott wohlgefälliger, als durch die pünktlichste Reinigung. Wie weise, wie göttlich — aber wie ärgerlich und anstößig!