Wem fällt bei diesem Anlasse nicht unwillkührlich der betende Pharisäer und Zöllner (Luk. XVIII, 9–14.) ein? — Unübertreffliche Schilderung des stolzen Frömmlers und Schönwörtlers vor Gott, der reumüthige, zerknirschte Sünder neben sich — dem Heiligen — verachtet! Wie eine Käsmade unter dem Vergrößerungsglase, so durchschaut man in dieser Parabel die Seele des Heuchlers in ihrer ganzen Häßlichkeit und Verkehrtheit. Nur der Herzenskenner vermochte es, uns diesen Anblick zur Belehrung und Warnung zu gewähren. Wohlthuend ruht das betrübte Geistesauge auf dem reinen Herzen des Zöllners!
Wessen Herz zerfließt nicht in Wonne, wenn er bedenkt, wie und was Jesus vom Gebete lehrte? So kurz, so gehaltvoll, so kindlich, so herzlich, so zuversichtlich, so kühn, so demüthig, so anhaltend (Matth. VI, 9–15. XXVI, 39. Luk. XI, 5–13. XVIII, 1–8. Mark. XI, 22–26.)!! — Doch vor den Pharisäern galt dieß nichts; denn es war Geist und Leben, und sie fanden nur Behagen am Todtendufte des Leichnames.
Der gelehrte Stand hatte auch in Palästina, wie überall, seine Auszeichnung. Die Schriftgelehrten bildeten einen großen Theil desselben, und trugen Schlüssel, an Riemen befestiget, als Zeichen ihrer Würde. Darauf waren nun die Schriftgelehrten der pharisäischen Parthei nicht wenig stolz, daß sie das Recht zum Oeffnen und Schließen der Pforte der Wahrheit hatten. Ein schönes Sinnbild, und ein herrliches, großes Vorrecht! Aber welchen schnöden Gebrauch machten sie davon?! Der, welcher „der Weg, die Wahrheit und das Leben ist,“ war gekommen, bot sich an, lud die Menschen zu sich ein; allein die Pharisäer giengen nicht zu ihm, und liessen, so viel an ihnen lag, auch Andere nicht zu ihm gehen. Sie wollten durchaus nicht, daß Jemand an Jesus glauben sollte, weil sie aus leidenschaftlicher Verblendung nicht an ihn glaubten. Unglauben an Jesus war ihr erster und wichtigster Zweck, den sie zu erreichen strebten. Dabei waren die sonst so zartfühlenden Gewissen dieser guten Leute wenig verlegen in der Wahl der Mittel. Lästerung, Verläumdung, Verdrehung der Worte, Verfälschung der Aussage, Drohungen, Verrath, Mordanschläge — Alles war ihnen willkommen, wenn es nur dem Zimmermannssohne Verderben brachte. Wer hat das Evangelium gelesen, und kennt die Belege zu dieser Wahrheit nicht? Wer fühlt aber auch nicht ohne weitere Erklärung die Gerechtigkeit und Vollwichtigkeit des Vorwurfes, den Jesus den Pharisäern machte? — —
Wahre Schlangenpolitik im schlimmsten Sinne lag in dem Verfahren der Pharisäer gegen unsern Herrn und gegen sich selbst. Ihm arbeiteten sie aus allen Kräften entgegen; sie wandten unermüdet Alles an, den Eingang in Gottes Reich, welches er begründete, zu versperren, oder wenigstens sehr gefährlich zu machen; und für ihre Schule — wie väterlich waren sie besorgt! Wie weit stund die Pforte offen! Wie breit und eben war der Weg! So fanden sie nicht einmal genug zu thun in Israel; denn da rechneten sie Alle zu ihrer Parthei, welche ihre Lehren und Vorschriften äußerlich annahmen. Die wenigen einsiedlerischen Essäer, die reichen, leichtsinnigen Sadducäer kamen beinahe in keine Berechnung. Darum machten eifrige Pharisäer, als wahre Lichter der Welt Reisen zu Wasser und zu Land, um unter Heiden Proselyten zu machen, und das Volk Gottes zu vermehren. Dafür nennet sie Jesus Heuchler, ihre Neubekehrten zweimal ärgere Höllenkinder, als sie selbst. Ein hartes Urtheil! Womit konnte er es rechtfertigen? Mit unwiderleglichen Thatsachen; nämlich mit der tiefen Unwissenheit, mit der ungeheuren Sittenlosigkeit, mit dem schrecklichen Verfalle des lebendigen Glaubens, der reinen Liebe und thätigen Gottseligkeit unter dem Volke Gottes — bei allem äußerlichen Gepränge und Treiben in religiösen Gebräuchen. Bei den Proselyten war die Hauptsache, welche Pharisäer betrieben, Beschneidung und Opfer, nicht Vertrauen auf den Einen Gott, nicht herzliche Liebe zum Vater und zu seinen Kindern, nicht Umänderung des ganzen Sinnes und Wandels. Was war also eine solche Bekehrung? Ein Ceremonien- und Kleiderwechsel, der den Neuling noch stolz und übermüthig machte, weil er innen Heide, außen Jude war — also viel schlimmer, als der pharisäische Jude. — Vergleiche man damit Nikodemus, die Samariterin, Matthäus, die Sünderin, den Schlagflüssigen, den acht und dreißigjährigen Kranken, den Blindgebornen, Zachäus, den Hauptmann, das Kananäische Weib![31] — — —
Ohne Schauder und Entsetzen kann man unmöglich das lesen, was Jesus den Pharisäern in Hinsicht der Eidschwüre zum Vorwurfe macht. Wer nur noch ein wenig Zartgefühl des Gewissens hat, bebt zurück bei dem Gedanken an die vielen und schrecklichen Ungerechtigkeiten, welche die Folge von solchen Auslegungen des Gesetzes waren.
Die pharisäischen Schriftgelehrten machten einen genauen Unterschied zwischen strenge verbindenden und leicht verbindenden Eidschwüren. Schon an und für sich eine sonderbare Theilung, gleichsam als wenn es Fälle geben könnte, wo man mit Freiheit und Bewußtseyn Gott zum Zeugen anrufen, und doch sein Wort nicht halten, die Wahrheit nicht sagen dürfe. Allein noch greuelhafter wird die Sache, wenn man hört, aus welchem Grunde sie diesen Unterschied ableiteten. Das Gold des Tempels, die Gabe auf dem Altare legte dem Schwörenden strenge Verbindlichkeit auf; ein Schwur beim bloßen Tempel oder Altare durfte nicht gehalten werden. Man sollte es für unmöglich halten, daß Vorsteher und Lehrer des Volkes die niederträchtigste Habsucht so zur Schau tragen möchten; und doch war es so! Durch solche goldene und fette Schwüre mehrten sich der Schatz und die Opfer im Tempel; dabei fanden die eigennützigen Gesetzausleger ihre gute Rechnung. Daß der unwissende Mitbruder im Volke auf diese Weise Vermögen, Ehre und Leben einbüßen konnte; was gieng das sie an? Thaten sie es doch nicht, wenigstens nicht öffentlich, sie lehrten ja nur so. Wenn aber ein Heide gewissenlos geprellt wurde, so war dieß in ihren Augen eher Verdienst, als Sünde. Die Schätze dieser „unreinen Hunde“ sollten ohnehin dem „Volke Gottes“ d. h. ihnen heimfallen; folglich nahmen sie nur, was ihnen schon gehörte.
Versetzen wir uns in die damalige Zeit, und vergegenwärtigen wir uns die verheerenden Wirkungen dieser Lehren für Leib und Seele! — Wahrlich! unser Herr bewies auch hier wieder, daß „er nicht gekommen war, zu richten, sondern selig zu machen;“ er hätte sonst mit Elias Blitze auf die scheinheiligen Bösewichter fallen lassen müßen. Doch so sprach seine Anrede: „Ihr blinden Wegweiser! Ihr Thoren!“ mehr Bedauern und Mitleid aus, als Richterernst. Es war der Ton des strafenden und bessernden Ernstes, der aber doch zugleich dem Volke einen Fingerzeig gab, wie weit es mit gutem Gewissen solchen Männern trauen und folgen dürfte.