„Kommet Alle zu mir, die ihr müheselig und beladen seid, und ich will euch erquicken! Nehmet mein Joch auf euch! — Denn mein Joch ist milde, und meine Bürde ist leicht.“ So rief Jesus seinen Zeitgenossen zu. Welchen Nachdruck, wie viel Wahrheit gewannen diese Worte in seinem Munde den Pharisäern gegenüber? War es dem Volke zu verargen, wenn es dem Propheten von Nazareth in großen Schaaren nachzog? Und doch thaten es die Lehrer und Vorsteher der Nation nicht, fluchten dem Volke, wütheten gegen Jesus — aber die verkehrte Lehre und den vor Gottes Augen greuelhaften Wandel zu ändern, daran dachten sie nicht.
Thaten denn die Pharisäer gar nichts Gutes? Vieles, recht Vieles, wenn es nur die Menschen sahen, und sie dafür lobten als fromme, gottselige Männer. Diese schnöde Religiosität ist daher das Zweite, was Jesus nicht ohne satyrische Züge diesen Helden der Verstellung vorwirft. Gottesverehrung und Eigenliebe, gutes Beispiel und Gefallsucht, Frömmigkeit und Eitelkeit wollten diese armseligen Kleingeister mit einander verbinden.
Das Lamm sollte beim Wolfe wohnen, ohne daß Gott diesen Bund gestiftet hatte. Wohl mag es diese selbstsüchtigen Frömmler so recht eigentlich gekitzelt haben an dem Herzflecken der Heuchelei, wenn sie mit ihren heiligen Zierrathen die Augen der staunenden Leute auf sich zogen, bewundernden Blicken begegneten, süßes Lob flüstern hörten. Wie wird sich da der Götze im Herzen groß gefühlt haben! Und worauf denn? —
Vor allem auf recht breite Denkzettel! — So lautete Gottes Wort durch Moses an Israel: „Es soll dir ein Zeichen an deiner Hand, und ein Denkmal zwischen deinen Augen sein, auf daß des Herrn Gesetz sei in deinem Munde; daß der Herr mit mächtiger Hand dich aus Aegypten geführet hat.“[27] Unwiderstehlich dringt sich Jedem der Sinn auf: Gottes Wohlthat, die Befreiung Israels aus Aegypten, soll den Israeliten so unvergeßlich sein, als ein auf die Hand eingeätztes Merkmal, als eine Streife von Linnen oder Pergament, welche man zur Erinnerung an die Stirne hängt.[28] Die Juden nahmen dieß buchstäblich, und machten sich wirklich solche Denkzettel. Auch gut, wenn dankbare Liebe und unverfälschter Glauben die Triebfedern waren. Allein dieß war bei den Pharisäern der Fall nicht; sondern sie wollten sich nur auszeichnen als die Eifrigsten in Erfüllung des Gesetzes; sie wollten den Buchstaben zur Schau tragen, um den Geist des Gesetzes zu zernichten in Wort und That. Daher ließen sie Sprüche der heiligen Schrift auf sehr breite Pergamentstreifen schreiben, wohl gar in Kapseln fassen, und trugen sie an Stirn und Armen. Welch’ eine ausgebreitete Frömmigkeit! —
Noch mehr! Sie vergrößerten die Quasten an ihren Oberkleidern. Ein neuer Beweis der Tiefe und Länge ihrer Religiosität; den aber Jesus, sonderbar genug, nicht gelten lassen wollte. Gott hatte geboten: „Rede mit den Kindern Israel, und sprich zu ihnen, daß sie sich Quasten machen an den Flügeln ihrer Kleider, unter allen ihren Nachkommen, und an die Quaste jedes Flügels eine himmelblaue Schnur machen. Und diese Quasten sollen euch dazu dienen, daß ihr sie ansehet und gedenket aller Gebote des Herrn, und thut sie, und nicht wandelt nach eures Herzens Dünken, noch nach euren Augen, daß ihr ihnen nachhuret.“[29] Also ein neuer Anlaß, an Gottes Willen und Gebot zu denken, und dasselbe zu thun, aber nicht bloß, wie die Pharisäer, schön und viel davon zu reden, und mit langen, zottigen Klöppeln zu prahlen, um frömmer zu scheinen, als Andere. Wer kann es Jesus verargen, wenn er diesen wollichten Maaßstab der Gottseligkeit mit scharfer Satyre verwarf? — Offenbar ist in den Worten der heiligen Schrift auch darauf hingedeutet, daß das Tragen solcher Schnüre die Juden von den Heiden unterscheiden, und erstere zur Verabscheuung des Götzendienstes der letztern antreiben sollte. Mußte dieses nicht lächerlich und herzverderbend zugleich werden, wenn man die Entfernung des Sinnes vom Heidenthume nach der Länge und Dicke der Quasten am Oberkleide bestimmen wollte? Wer war schlechter daran, der Heide mit seinen Götzen von Stein und Holz, oder der Pharisäer mit großen Trodeln, welche den abgöttischen Sinn austreiben sollten? — Allein so tief und scharf konnte nur Jesus in das dunkle Gewebe der Gleißnerei blicken. Wohl uns, daß er es gethan und ausgesprochen hat, was er sah!
„Wer sich selbst erhöhet, wird erniedriget werden, und wer sich selbst erniedriget wird erhöhet werden“[30]; dieß war ein Wahlspruch unseres Herrn, den er oft im Munde führte, und schon einmal mit einer nachdrucksvollen Parabel den Pharisäern ans Herz gelegt hatte, da er sah, wie ängstlich sie bei der Wahl ihrer Sitze an der Tafel zu Werke giengen, um ja nicht zu weit hinabzurücken. Doch die treffliche Erinnerung war ohne Erfolg geblieben; sie fuhren fort, mit ihrer Frömmigkeit, Rangsucht und Stolz zu paaren. Allerdings ein sonderbares Gemische unvereinbarer Dinge! Aber es war nun einmal so; die Pharisäer wollten durchaus an der Tafel in der Mitte oder an dem Ehrenplatze sitzen; in den Synagogen forderten sie nicht nur, vor den gemeinen Leuten zu sitzen — das verstund sich von selbst bei so reinen Personen — sondern schlechterdings die ersten Plätze nahmen sie ein, wenn auch die Vornehmsten der Stadt oder des Ortes sich einfanden. Der Geist der Religion Jesu war ächte, lebendige Gottes- und Menschenliebe. Auch bei den Pharisäern wirkte Liebe — aber nur Eigenliebe. Je saurer ihnen also ihr Frommthun wurde; je mehr Anstrengung, Aufwand und Zeit es kostete, bis sie sich in Engel des Lichtes umgestalteten, desto mehr wollten sie natürlich auch von der Arbeit ihres Tagewerkes erndten; desto größere Vorzüge verlangten sie vor denen, welche sich zu keinen so schweren Opfern entschlossen hatten. Daraus mag man abnehmen, wie tief ihnen Jesus ins Herz griff mit diesem Zuge ihrer Charakteristik.
Gruß und Rangauszeichnung waren von jeher im gesellschaftlichen Leben keine ganz gleichgültige Sache; und zwar mit Recht. „Ehre, wem Ehre gebühret.“ Jesus selbst hielt sich an diesen Grundsatz, und ließ es nicht ungeahndet hingehen, wenn Jemand aus ungegründeter Geringschätzung die herkömmlichen Höflichkeitsbezeugungen ihm versagte. Simon, der Pharisäer, erfuhr dieß zu seiner schmerzlichsten Beschämung, welche er um so mehr verdiente, da die Pharisäer gerade in diesem Stücke gegen Andere sich so ungemessene Forderungen erlaubten. Wer sich bei ihnen empfehlen wollte, mußte sie zuvorkommend und demüthig grüßen, und nicht nur so schlechthin Rabbi tituliren, sondern im höhern Style mit doppeltem Rabbi! Rabbi! ehrfurchtsvoll anreden. Denkt man sich nun noch die orientalischen Umständlichkeiten hinzu, so wird es gewiß begreiflich, wie viel Nahrung Eitelkeit und Stolz bei solchen Complimenten fanden. Aber eben so fällt es in die Augen, wie weit diese Heuchler hinter dem wahren Ehrgefühle und hinter der ungekünstelten Bescheidenheit unseres Herrn zurück waren. Daher mußten sie auch bei seinem gerechten Tadel verstummen.
Als Lehrer und Vorsteher des Volkes, die auf Moses Stuhl saßen, erschienen die Pharisäer nach der Schilderung Jesu im schlechtesten Lichte. Uebertreibung der Forderungen des Gesetzes und eigene Uebertretung, Scheinheiligkeit und verkappter Stolz waren die Hauptzüge dieses garstigen Naturgemäldes. Dabei hatte Jesus vorzüglich seine Jünger — im Auge. Daher die Regeln der Demuth und Bescheidenheit, welche er folgen ließ. — Wir alle, welche auf Christus getauft sind, nennen uns seine Jünger; sind wir es auch, so lange nur noch Ein Zug der Heuchelei der so sehr verabscheuten Pharisäer in und an uns ist? Schaffe Jeder nur diesen schädlichen Sauerteig aus seinem Herzen — und Alles wird gut werden!!
Schon in der Bergpredigt hatte Jesus auf den pharisäischen Geist des Gebetes aufmerksam gemacht. Lange und vor Jedermannes Augen zu beten, war ihr Lieblingsgeschäft (Matth. VI, 5–7); an pünktlich festgesetzten und eingehaltenen Stunden ließen sie es auch nicht fehlen (Luk. V, 33). Es möchte überhaupt schon befremden, wie Menschen, welche weder wahres Vertrauen noch reine Liebe zu Gott im Herzen trugen (Matth. VI, 19–34. Joh. V, 42.), nur auf den Gedanken fielen, sich so anhaltend auf das Gebet zu verlegen. Allein so widernatürlich dieß jedem Geradsinnigen vorkommen muß, eben so natürlich war es an diesen Heuchlern. Sie beteten nicht zu Gott, sondern für ihren Beutel. Das lange, mit ausstudirten Förmlichkeiten getriebene, fleißig wiederholte Gebet war bei ihnen eine einträgliche Speculation auf die Schwachherzigkeit, Leichtglaubigkeit und Freigebigkeit alternder Wittwen. Dieß war der Köder, mit dem sie die Weiblein an sich lockten, durch tausend fromme Betrügereien ihr Vermögen erschlichen, ihre milde Hand anpriesen, wieder beteten, um neuerdings sich bezahlen zu lassen — und so ganze „Häuser verschlangen.“ — Ein fluchwürdiges Kunststückchen, wofür sie Jesus hart bedrohte! — —