Aber auch wie unheilbar! Wer hätte es erwartet, daß die Pharisäer nach so vielen, schmachvollen Niederlagen die Angriffe auf Jesus nicht aufgeben würden? Und doch war es so. Kaum waren die albernen Einwürfe leichtsinniger Sadducäer gegen die Auferstehung mit Würde und Nachdruck beantwortet, als schon wieder eine Parthie zusammentrat, und die alte Streitfrage über das wichtigste Gebot im Gesetze wieder auf die Bahn brachte. In Galiläa und Judäa blieb sich diese Secte gleich; engherzig, streitsüchtig und eigenliebig drehte sie sich stets im Kreise um denselben Punct und verwarf und verfolgte Jeden, der diesen Kopf und Herz betäubenden Kreisgang nicht mitmachte. Was half es, daß Jesus sie auch in Jerusalem in diesem Stücke zurecht wies? Sie hörten, wandten sich weg, warfen seine Antwort weg — aber nicht ihren Haß gegen ihn. Bewundern muß man in solcher Lage die Langmuth und die Liebe Christi, der nicht müde wurde, seine Todfeinde zu retten, noch weniger müde, als sie, ihn zu verderben.
Ein höchst demüthigendes Beispiel von der tiefen Geistesarmuth der in ihrer Einbildung an Gotteskenntniß überreichen Pharisäer liefert die letzte Frage, welche Jesus ihnen vorlegte. „Was dünket euch von Christus? Wessen Sohn ist er?“ — „David’s“ war die fertige Antwort, die sie mit schülerhafter Hast und wohl nicht ohne hämischen Seitenblick über die Leichtigkeit der Frage gaben. Allein sie hatten nur halb die Wahrheit getroffen. Sobald daher Jesus auch die andere Hälfte verlangte, und sie mit David’s eigenen Worten darauf hinwies, verstummten sie, und „konnten ihm nichts antworten.“ War es möglich? Sogar nothwendig. Die Heuchler suchten nicht Gott, sondern unter einem heiligen Namen nur sich; sie forschten nicht nach Wahrheit, sondern unter gutem Vorwande nach eigenem Vortheile; daher wollten sie als Messias zunächst einen Sohn David’s, groß, mächtig, reich, angesehen, kriegerisch, allenfalls auch gesetzlich fromm und den Heiden feindlich. Dabei fanden sie ihre Rechnung. Wie hätten sie da an eine höhere — göttliche Natur und Würde des Messias denken, wie die Frage unseres Herrn auch nur verstehen können! Gottes Sohn war ihnen etwas Unbedeutendes gegen einen Helden, der die Römer schlug, und ihre Beutel und Bäuche füllte. Unter seiner milden Regierung hätten sie wohl auch Jehova — und sich Wolken von Weihrauch aufsteigen und fette Opfer bluten lassen.
Schmerzlich wird es den hochgelehrten Rabbinen doch gefallen sein, daß sie mit der Antwort auf eine so wichtige, und wie man allgemein vermuthen mußte, ihnen wohl bekannte Frage ins Stocken geriethen; und dieß dem neuen Lehrer gegenüber, auf den sie gewiß nicht selten mit Verachtung herabsahen, weil er in ihren Erblehren und Zusätzen zu Moses nicht bewandert war, ja nicht einmal Werth darauf legte. Was dachte wohl das umstehende Volk? Ein neuer Grund, sich zu schämen und zu ärgern. So stößt der Heuchler am Ende überall an.
XIX.
Letzte Rede Jesu gegen die Lehre und gegen das Leben der Pharisäer.[26]
Paulus gehörte einst auch selbst zu der angesehenen Secte der Pharisäer. Allein er riß sich davon los, nachdem er die Allgewalt des Wortes Gottes auf die erschütterndste und ergreifendste Weise an sich selbst erfahren hatte. Niemand konnte daher die Kraft göttlicher Aussprüche besser und zuverläßiger schildern, als er; Keiner hat es auch nachdrücklicher gethan, als er in seinem Briefe an die Hebräer IV, 12–13, wo er den Unglauben und Ungehorsam bedroht: „Lebendig ist Gottes Wort und kräftig, und schärfer als jedes zweischneidige Schwerdt; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Mark und Bein; und es richtet Gedanken und Anschläge des Herzens; und kein Geschöpf ist verborgen vor ihm, sondern Alles ist enthüllt und aufgedeckt vor den Augen dessen, von dem wir reden“ — nämlich vor Jesus von Nazareth, dem Sohne Gottes und der Menschen. Durch ihn haben sich auch „diese Worte vor unsern Ohren erfüllet,“ da er wenige Tage vor seinem Welterlösenden Tode eine Charakterschilderung der Heuchler seiner Zeit entwarf, wie es nur der „Herzenskenner“ vermochte. Wäre an diesen Menschen noch etwas zu bessern gewesen, so hätte sie diese gewaltige prophetische Strafrede unfehlbar aus scheinheiligem Sündenschlafe aufgeschreckt. Doch dieß gieng nicht mehr an. Indeß konnte es Jesus auch nicht ärger mit ihnen verderben, als es bisher durch Lehre und That geschehen war. Auf jeden Fall lernte sie das Volk kennen, wenn er ihnen die Heuchlerlarve abriß, und sie in ihrer häßlichen Naturgestalt unverhüllt sehen ließ. Seine Jünger konnte er nicht kräftiger vor Heuchelei warnen, als wenn er ihnen das Bild dieses scheußlichen Lasters so lebendig vor Augen stellte. —
Bei dem verzehrenden Feuereifer, von dem unser Herr bei dieser Rede ergriffen war; bei dem grimmigen Hasse seiner erbosten, niederträchtigen Feinde; bei dem gewaltigen Einflusse auf die Herzen des Volkes; bei dem mehr als menschlichen Ansehen und Berufe, den er hatte, bleibt es — menschlich betrachtet — immer eine eben so bewunderungswürdige, als nachahmungswerthe Erscheinung, daß er in seinem Vortrage sogar nichts Ueberspanntes zeigte, so weit von schwärmischer Hitze entfernt war. Mit der ruhigsten Besonnenheit und billigsten Schonung räumt er den Pharisäern die Würde und die Rechte ein, die ihnen gebührten. Mit dem Priester, mit dem Leviten hatte er nichts zu thun, aber an dem Heuchler in beiden hatte er vieles zu tadeln. Er that dieses, ohne jenem die seinem Amte gebührende Achtung zu versagen. „Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer &c.“ damit erkennet er ihr Recht, Gottes Wort vorzulesen und auszulegen — wie es ehedem Moses gethan hatte — aber freilich in Moses Sinn und Geiste! Was sie so gebieten würden, sollten alle Juden halten. Man übersehe es nicht, wie Jesus das Volk anweiset, den wahren Lehren der ordentlichen Vorgesetzten sich anzuschließen! Er billigte es nicht, daß Jeder seinen eigenen Weg gieng, und sich selbst sein Gesetz machte.
„Aber nach ihren Werken sollet ihr nicht thun; denn sie sagen es wohl, aber thun es nicht.“ Welche Wendung! Was für Lehrer waren die, deren Thaten ihren schönen Worten widersprachen? Gaben sie damit nicht selbst Jesus die Waffen in die Hand? Glichen sie nicht Giftpflanzen mit lockenden Blüthen? Ihrem Lehramte ließ Jesus volles Recht widerfahren; allein um so schärfer und schonungsloser mußte er nach Allem, was er von ihnen sah und hörte, ihr Leben angreifen. Sagen und nicht thun. Andern strenge gebieten, und selbst übertreten — Darin fand Jesus den charakteristischen Zug der Heuchelei, und diesen hob er ohne Rücksicht hervor.
Nun folgen Beispiele von Reden und Thaten der Pharisäer, denen man nicht folgen soll. — Das Erste, was Jesus rügte, war ihre Schriftauslegung. Sie machten Gottes Wort zu einer unerträglichen Last. Nicht nur zerstückelten und zerschnitten sie den Text so lange, bis alles Leben und aller Geist verschwunden war, sondern sie gaben jedem Gesetze die ungemessenste Ausdehnung, wollten triefäugigen Sinnes alle möglichen Fälle vorhersehen, und ersäuften auf diese Weise Gottes hohe und reine Gedanken in dem todten Meere rabbinischer Noten und Glossen. Die gesetzlichen Vorschriften häuften sich daher durch den gelehrten Eifer und durch die scharfsichtige Frömmigkeit der Meister Israels so sehr, daß man sie kaum fassen, viel weniger ausüben konnte. Desto unbarmherziger bestunden die Pharisäer auf der pünktlichsten Beobachtung eines jeden Jota und Striches. Nur Eines vergaßen sie dabei — das eigene gute Beispiel. Dazu wollten sie sich so wenig verstehen, daß sie alle verschmitzten Kunstgriffe aufboten, um sich, wenigstens im Stillen, die Last des Gesetzes vom Halse zu schaffen. Sinnreich erfanden sie tausend Gründe, mit denen sie ihr Gewissen über die gröbsten Gesetzesverletzungen zu beruhigen wußten. Aber die Leute durften das nicht wissen, viel weniger sehen. Vor den Augen der Menschen thaten sie selbst den übertriebensten Forderungen Genüge, damit sie bewundert und gelobt wurden — die guten, großen Geister!