Edle Frau, ich wollte die Gaben, die Eure Gnade mir schon oft zugedacht hatte, nicht annehmen, bevor ich Euch nicht ein Werk von meiner Hand bieten könnte, um so ihrer weniger unwürdig zu sein. Aber ich sah ein und erkannte, dass man die Gnade Gottes nicht kaufen kann, und dass es grosse Sünde ist, ihr Hindernisse zu bereiten. So bekenne ich meine Schuld und nehme Eure Gaben freudig an. Und wenn sie mein sind, werde ich mich im Paradies fühlen; nicht weil ich sie in meinem Hause haben werde, sondern weil ich in ihrem Hause wohnen darf. Und ich werde dadurch, edle Frau, noch mehr in Eurer Schuld sein, als ich schon bin, wenn dies überhaupt möglich ist.
Diesen Brief wird Euch mein Diener Urbino bringen. Ihm werdet Ihr sagen können, wann ich nach Eurem Wunsche kommen soll, um den Kopf zu sehen, den Ihr mir zu zeigen versprachet.
Ich empfehle mich Eurer Gnade.
Michelangelo Buonarroti.
17.
An Vittoria Colonna in Rom.
[Rom, 1538–41 oder 1545–46.]
Frau Marchesa! — Da ich in Rom bin, hätte ich eigentlich den Kruzifixus nicht Messer Tommaso anzuvertrauen und ihn so zum Mittler zwischen Euch und mir, Eurem Diener, zu machen brauchen. Ich wünsche für Euch Grösseres zu schaffen, als für irgendeinen anderen mir bekannten Menschen dieser Welt. Allein ich war und bin noch in so viele Geschäfte verwickelt, dass ich Euer Gnaden dies nicht zu beweisen vermochte. Ich weiss ja, Euch ist bekannt, dass die Liebe den Weg stets findet, und der Liebende nicht schläft, und hätte darum um so weniger eines Mittlers bedurft. Aber wenn es auch den Anschein hatte, als ob ich nicht an Euch dächte, tat ich doch, was ich nicht aussprach, um Unerwartetes zu vollbringen. Mein Plan ist misslungen. „Unrecht tut der, der solche Treue schnell vergisst.“
Eurer Gnaden Diener
Michelangelo Buonarroti.