Michelangelo Buonarroti.
21.
An Lionardo …
Rom, [den 16. Januar 1548].
Lionardo! — Durch Deinen letzten Brief erfuhr ich vom Tode Giovansimones. Die Nachricht hat mich tief geschmerzt, denn wenn ich auch schon so alt bin, hoffte ich doch, ihn vor seinem und meinem Tode noch einmal zu sehen. Gott hat es so gewollt, ertragen wir es! Ich möchte gern ausführlicher hören, wie er gestorben ist, ob er vor seinem Tode gebeichtet und kommuniziert hat, und alle seine religiösen Angelegenheiten geordnet sind; denn wenn ich erfahren habe, dass es so ist, werde ich weniger bekümmert sein. — —
Michelangelo Buonarroti.
22.
An Messer Benedetto Varchi.
Rom, [1549].
Messer Benedetto! — Damit Ihr sehet, dass ich Euer Büchlein wirklich empfangen habe, will ich auf die Frage, die darin gestellt wird, einiges antworten, wenn auch bescheiden und als Laie. Ich meine, die Malerei sei um so höher zu achten, je mehr sie sich der Plastik nähert, und diese um so geringer, je mehr sie der Malerei nahekommt. So schien mir auch stets, als sei die Skulptur die Leuchte der Malerei und zwischen jener und dieser der gleiche Unterschied, wie zwischen Sonne und Mond. Seitdem ich aber Euer Büchlein gelesen habe, in dem Ihr auseinandersetzt, dass, philosophisch betrachtet, beide Künste das gleiche Ziel haben, beide das Gleiche sind, bin ich anderer Meinung geworden und sage so: Wenn nicht ein grösserer Aufwand von Überlegung und Mühe, grössere Schwierigkeiten und Anstrengungen dem Werke auch grösseren Adel verleihen, dann sind Malerei und Skulptur ein Ding. Und damit sie auch als solches anerkannt würden, dürfte kein Maler die Bildhauerei weniger als die Malerei betreiben, und ebenso müsste jeder Bildhauer in gleichem Masse Maler wie Bildhauer sein. Ich verstehe unter Skulptur die Kunst, die durch Wegnehmen geübt wird, während die, die durch Auflegen arbeitet, Malerei ist. Dann sollte man es aber auch kurz machen und beide Künste, Skulptur und Malerei, weil sie doch durch die gleiche Intelligenz geübt werden, einen rechtschaffenen Frieden schliessen und das viele Disputieren sein lassen, denn das kostet mehr Zeit, als die Bildwerke selbst zu machen. Versteht aber der, der die Malerei edler nannte als die Skulptur, alle Dinge, worüber er schreibt, so gut wie dies, so hätte meine Magd seine Schriften wohl besser geschrieben. Unendlich viele nie ausgesprochene Dinge liessen sich noch über dergleichen Künste sagen; aber, wie ich bemerkte, das würde viel Zeit erfordern, und ich habe nur wenig, denn ich bin nicht nur alt, sondern stehe schon fast im Grabe. Darum bitte ich Euch, haltet mich für entschuldigt. Euch aber empfehle ich mich und danke Euch nach bestem Können für die allzugrosse Ehre, die Ihr mir erweiset, und die mir nicht zukommt.