Übersetzungen von Karl Witte in: Romanische Studien 1871.
Übersetzungen von Hans Grasberger in: Le Rime di Michelangelo 1872.
R. A. Guardini.
„Michelangelo beschränkte sich in seiner Jugend nicht auf Skulptur und Malerei, sondern er widmete sich auch allen verwandten und ähnlichen Künsten; und das tat er mit solchem Eifer, dass er sich für einige Zeit fast völlig der Gemeinschaft der Menschen entzog und nur mit ganz wenigen Umgang pflegte. Dies brachte ihn in den Ruf eines hochmütigen oder seltsamen und phantastischen Menschen, und doch waren beide Fehler ihm gleich fremd. Es war die Liebe zur Tüchtigkeit und die treue Hingabe an die edlen Künste, die ihn — wie es vielen ausgezeichneten Männern geschah — einsam machten und ihn nur in deren Dienste Genüge und Ergötzung finden liessen. Darum war ihm die Geselligkeit keine Freude, ja verhasst, denn sie störte ihn in seiner Gedankenarbeit; war er doch, wie jener grosse Scipio zu sagen pflegte, nie weniger allein, als wenn er allein war.
Doch suchte er gerne die Freundschaft derer, die ihm in tüchtigen und weisen Gesprächen irgendwelche nützliche Frucht boten, oder in deren Seele ein Strahl des Aussergewöhnlichen aufblitzte … Eine besondere und grosse Liebe verband ihn mit der Marchesana von Pescara, deren hoher Geist ihn gefangen hielt, und die ihm mit ausserordentlicher Liebe vergalt. Von ihr bewahrt er noch viele Briefe, voll von reiner und süsser Liebe, wie sie aus so edlem Herzen kommen mussten, und er hat an sie viele gar kunstvolle Sonette gerichtet, in denen eine innige Sehnsucht lebt. Sie verliess oft Viterbo oder andere Orte, wohin sie sich zur geistigen Sammlung oder zum Sommeraufenthalt zurückgezogen hatte, und kam nach Rom, einzig um Michelangelo zu sehen; und er trug zu ihr solche Liebe, dass ich ihn einst sagen hörte, er habe nur den Schmerz, dass er sie nicht, als sie aus diesem Leben schied, auf die Stirn oder den Mund küsste, wie er ihre Hand geküsst hatte. Und der Gedanke an ihren Tod liess ihn oft im Schmerz gleichsam erstarren.
Wie er die Gespräche mit gelehrten Menschen sehr liebte, so fand er auch Ergötzen am Lesen der Schriftsteller, ob sie nun in Prosa oder in Versen schrieben, und besonders trägt er Verehrung für Dante, dessen wunderbares Genie ihn anzieht, und dessen Werke er fast ganz in treuem Gedächtnis bewahrt. Den Petrarca schätzt er vielleicht fast eben so hoch. Doch begnügte er sich nicht damit, sie zu lesen, sondern fand auch seine Lust daran, selbst zu dichten, und manche seiner Sonette legen für die grosse Kraft seiner Erfindung und seinen reinen Geschmack gutes Zeugnis ab … Aber all dies trieb er nur zu seinem Ergötzen und masste sich keinerlei Sachkenntnis darin an, setzte sich selbst vielmehr stets herab und betonte seine Unerfahrenheit in solcherlei Künsten.
Mit gleichem Eifer und gleicher Aufmerksamkeit las er die heiligen Schriften des Alten und Neuen Testaments und suchte mit stetem Bemühen in ihren Sinn einzudringen. Gleicherweise studierte er die Werke Savonarolas, zu dem er stets grosse Zuneigung hatte, und noch bewahrt er im Gedächtnis den lebendigen Klang seiner Stimme.
Auch liebt er die Schönheit des Körpers, ist er doch am tiefsten mit ihrem Wesen vertraut. Ja er liebt sie so sehr, dass sinnliche Menschen, die nur in unlauterer und unehrenhafter Weise die Schönheit zu lieben vermögen, Schlimmes von ihm dachten und sagten. Und doch wurde Alcibiades, der überaus schöne Jüngling, von Sokrates mit der keuschesten Liebe umfasst und er pflegte zu sagen, so oft er an dessen Seite geruht habe, sei er nie anders als wie ein Sohn von der Seite des Vaters aufgestanden. Ich habe oft Michelangelo über die Liebe reden und sich unterhalten hören, habe aber stets, auch von den übrigen, die dabei waren, vernommen, dass er nicht anders über die Liebe spreche, als wie bei Plato geschrieben steht. Ich weiss ja nun nicht, was Plato über diesen Gegenstand sagt; das aber weiss ich gewiss, dass ich lange seinen vertrauten Umgang genoss und aus seinem Munde stets nur Worte von strengster Lauterkeit vernahm, die in jedem Jüngling alle ungeordneten und zügellosen Wünsche niedergezwungen und ausgerottet hätten. Und dass sein Geist hässliche Gedanken nicht duldete, kann man auch daraus erkennen, dass er stets nicht nur die Menschenschönheit liebte, sondern alles Schöne, ein schönes Pferd und einen schönen Hund, die Schönheit einer Landschaft, eines Berges, eines Waldes, jede schöne Gegend und jegliches schöne und in seiner Art seltne Ding mit tiefer und wunderbarer Verehrung anschaute. So entnahm er überall der Natur das Schöne, wie die Bienen aus den Blüten den Honig sammeln, und legte es in seinen Werken nieder. Das haben aber alle die getan, die sich in der Kunst eines grösseren Rufes erfreuten. Jener Meister des Altertums begnügte sich, um die Venus zu bilden, nicht damit, nur eine Jungfrau zu sehen, sondern er wollte viele anschauen. Und indem er so von jeder das Schönste und Vollendetste nahm, schuf er daraus die Göttin. Und so viel steht fest: wer sich einbildet, er werde auf anderem, als auf diesem Wege, der allein zur rechten Anschauung führt, Grosses in der Kunst leisten, der täuscht sich in verhängnisvoller Weise.
In seinem ganzen Leben beobachtete Michelangelo eine grosse Mässigkeit und bediente sich, zumal wenn er arbeitete, mehr aus Notdurft als zum Genusse der Speise. Meist begnügte er sich dann mit einem Stück Brot, das er ass, ohne die Arbeit zu unterbrechen … Oft hörte ich ihn sagen: „Ascanio, wenn ich auch noch so reich war, stets habe ich arm gelebt.“ Und wie er nie viel ass, so schlief er auch wenig; pflegte er doch selbst zu sagen, der Schlummer habe ihm nie gut getan, habe ihm vielmehr fast immer, wenn er länger geschlafen habe, Kopfschmerzen verursacht. Als er noch von kräftigerer Gesundheit war, schlief er öfter in Kleidern und Stiefeln — dieser bediente er sich, weil er stets am Krampf litt und noch aus anderen Gründen — und manchmal liessen sie sich so schwer ausziehen, dass mit den Stiefeln auch die Haut mitging, so wie es bei der Schlange geschieht, wenn sie sich häutet.