Nie geizte er nach Geld, noch strebte er danach, Reichtümer aufzuhäufen; vielmehr war er zufrieden, wenn er genug besass, um ruhig leben zu können … Viele seiner Werke hat er verschenkt und hätte doch durch ihren Verkauf unermessliche Summen lösen können … Er war aber nicht nur mit seinen Werken freigebig, sondern hat auch oft einem armen, doch tüchtigen jungen Menschen, der sich den Künsten oder der Wissenschaft widmete, mit seiner Börse geholfen; ich kann das bezeugen, denn mir selbst ist so von ihm geschehen. Nie war er neidisch auf die Erfolge anderer in seiner Kunst, und das mehr aus natürlicher Herzensgüte, als weil er von sich selbst eine hohe Meinung hätte. Er lobte das Gute in allen, selbst in Raffael von Urbino, mit dem er doch, wie ich oben schrieb, im Felde der Malerei manchen Kampf ausgefochten hat. Nur hörte ich ihn sagen, Raffael habe seine Kunst nicht von der Natur erhalten, sondern sie sich durch langes Studium erworben …
Er besitzt ein ausserordentlich treues Gedächtnis, so dass er, der doch, wie man sehen kann, Tausende von Gestalten gemalt hat, nie auch nur zwei bildete, die sich ähnlich gesehen, oder die gleiche Haltung eingenommen hätten. Ich hörte ihn sagen, dass er keine Linie ziehe, ohne zu wissen, ob er sie bereits einmal gezogen habe; und wenn dies geschehen ist, lässt er sie nie stehen, falls das Werk für die Öffentlichkeit bestimmt ist. Auch besitzt er eine ungeheure Kraft gestaltender Phantasie, und daher kommt es vor allem, dass er stets so unzufrieden mit seinen Werken ist, und sie stets herabsetzt, denn noch nie schien es ihm, als sei es seiner Hand gelungen, das Bild zu formen, wie es in seinem Innern aufstieg. Und aus den gleichen Gründen ist er schüchtern, wie es die sind, die sich in Musse einem beschauenden Leben hingeben. Nur wenn ihm oder anderen Unrecht zugefügt wird, oder man seine Rechte verletzt, flammt er in gerechtem Zorne auf. Dann aber ist die Wucht seiner Abwehr grösser, als bei denen, die man für mutig hält …“
Ascanio Condivi, Leben Michelangelos,
Kap. 62–68.
Dichtungen.
An Florenz.
Nur dich erfreut mein Gram! Sieh, welch Erbarmen
Die holden Frau'n bewegt, dass Qual und Sterben
Zu süss du noch erachtest für mich Armen.
Wo ist nun Mitleid? Wen zum Schützer werben