Dies hörte ein langbärtiger, hochbejahrter Kavalier der Doña Clara, der anwesend war, und sagte: „Das nennen Euer Gnaden ein Grübchen? Ich müßte mich schlecht auf Gruben verstehen, wenn dies ein Grübchen ist und nicht vielmehr ein Grab lebendiger Wünsche. Bei Gott, die Kleine könnte nicht niedlicher sein, und wenn sie aus Silber oder Marzipan wäre. Kannst du auch wahrsagen Kleine?“
„Auf drei- bis viererlei Arten,“ erwiderte Preziosa.
„Das auch noch!“ rief Doña Clara. „Beim Leben des Stadtschultheißen, meines Gemahls, du sollst mir wahrsagen, Goldkind, Silberkind, Perlenkind, Karfunkelkind, Himmelskind! Das ist der höchste Name, den ich für dich finde.“
„Gebt der Kleinen die Hand und etwas, womit sie das Kreuz machen kann,“ sagte die Alte, „und man wird sehn, was sie zu sagen weiß, denn sie versteht mehr als ein Doktor der Heilkunst.“
Die Frau Stadtschultheiß griff in die Tasche, fand aber keinen Quarto darin; sie bat ihre Mädchen um einen Viertelreal, doch keine vermochte einen aufzufinden, und ebensowenig die Frau Nachbarin. Als Preziosa das sah, rief sie: „Jedes Kreuz, wenn es nur ein Kreuz ist, taugt; die silbernen oder goldenen aber sind besser, und ich darf Euer Gnaden nicht vorenthalten, daß es dem Glücke schadet, wenn man auf der Hand das Zeichen des Kreuzes mit einem Kupferstück macht, wenigstens wenn ich es tue. Daher mache ich das erste Kreuz gar gern mit einem Goldtaler oder doch mit einem schweren oder leichten Real; ich bin wie die Küster, die sich freuen, wenn ein großes Opfergeld fällt.“
„Du bist nicht auf den Kopf gefallen, Kleine,“ bemerkte die Frau Nachbarin, wandte sich an den Kavalier und fragte: „Herr Contreras, habt Ihr nicht einen leichten Real zur Hand? Gebt ihn mir! Sobald mein Mann, der Doktor, kommt, gebe ich ihn Euch zurück.“
„Ich habe wohl einen,“ erwiderte Contreras, „aber ich habe ihn für zweiundzwanzig Maravedis versetzt, um die ich gestern zu Nacht gespeist; gebt mir so viel, und ich will ihn auf der Stelle holen.“
„Wir alle haben keinen Viertelreal,“ entgegnete Doña Clara, „und Ihr wollt zweiundzwanzig Maravedis? Geht, Contreras, Ihr wart immer ein alberner Kerl.“
Endlich sagte ein Mädchen, da das ganze Haus so unfruchtbar blieb, zu Preziosa: „Kleine, schadet es denn, wenn man das Kreuz mit einem silbernen Fingerhut macht?“
„Im Gegenteil,“ erwiderte Preziosa, „das größte Kreuz in der Welt wird mit silbernen Fingerhüten gemacht, wie gar mancher weiß!“