„Gott vergelte es Euch,“ antwortete der Fremde; „führt mich, wohin Ihr wollt, denn der Schmerz in meinem Bein ermattet mich.“
Andres und ein andrer mitleidiger Zigeuner (denn wie unter den Teufeln einige schlimmer sind als die andern, so gibt es unter vielen bösen Buben auch den einen oder andern besseren) nahmen ihn in ihre Mitte und führten ihn fort. Die Nacht war mondhell, und sie konnten sehn, daß der Fremde noch jung, von zartem Gesicht und Wuchs war. Er war ganz in weiße Leinwand gekleidet, und quer über den Rücken hing ihm eine Art Hemd oder Quersack, ebenfalls von Leinwand, die um die Brust gegürtet war. Man gelangte in Andres' Hütte, wo sogleich Feuer und Licht gemacht wurde; dann eilte Preziosas Großmutter herbei, um die Wunde, von der sie gehört hatte, zu verbinden. Sie nahm ein paar Haare von den Hunden, brühte sie in Öl und legte, nachdem sie zuvor die beiden Wunden im linken Beine des Gastes mit Wein gewaschen hatte, die Haare samt dem Öl in die Bisse ein, worauf sie noch ein wenig frischen, gekauten Rosmarin darauf tat, alles mit reiner Leinwand verband, das Kreuz darüber machte und dann sprach: „Schlaft, Freund; mit Gottes Hilfe wird es nun nicht von Bedeutung sein.“
Während sie den Verwundeten verband, stand Preziosa daneben und schaute ihn mit unverwandtem Blicke an, wie er auch sie, so daß Andres seine Aufmerksamkeit nicht entging; er glaubte jedoch, nur ihre große Schönheit ziehe die Augen des Jünglings an. Als er verbunden war, ließ man ihn auf einem Lager von trocknem Heu allein und fragte ihn weder nach dem Ziele seines Weges noch sonst nach irgend etwas. Kaum aber hatten sie ihn verlassen, als Preziosa Andres zu sich rief und fragte: „Erinnerst du dich eines Papieres, das mir in deinem Hause entfiel, als ich mit meinen Begleiterinnen tanzte, und das dir, wie ich glaube, ziemlich verdrießlich war?“
„Wohl erinnere ich mich dessen,“ entgegnete Andres; „es war ein Sonett zu deinem Lobe, und zwar kein übles.“
„Nun, du mußt wissen, Andres,“ erwiderte Preziosa, „daß der Verfasser des Sonetts dieser junge Fremde ist, den die Hunde gebissen haben, und den wir eben im Zelt verließen; ich täusche mich gewiß nicht, denn er hat in Madrid zwei- bis dreimal mit mir gesprochen und mir auch eine sehr gute Romanze geschenkt. Dort trug er sich, soviel ich sehen konnte, wie ein Page, jedoch nicht wie die gewöhnlichen, sondern wie einer, der von einem vornehmen Herrn besonders begünstigt wird. Und wahrhaftig, Andres, ich kann dir sagen, der junge Mensch ist sehr verständig und einsichtig und über die Maßen gesittet, so daß ich nicht weiß, wie ich mir seine Reise und seine Tracht erklären soll.“
„Wie du dir das erklären sollst, Preziosa?“ versetzte Andres. „Nicht anders, als daß die gleiche Gewalt, die mich zu einem Zigeuner machte, ihn, wie es scheint, in einen Müller verwandelt hat, um dich aufzusuchen. Ha, Preziosa, Preziosa, jetzt wird es mir klar, daß du dich rühmen willst, mehr als einen überwunden zu haben. Ist dies der Fall, so töte erst mich und dann diesen andern, aber opfere nicht uns beide zugleich auf dem Altar deiner Falschheit; denn ich kann nicht mehr sagen: deiner Schönheit.“
„Bei Gott,“ entgegnete Preziosa, „du bist sehr leicht verletzt, Andres, und mußt deine Hoffnungen und den Glauben an mich an ein gar dünnes Haar gehängt haben, wenn das harte Schwert der Eifersucht deine Seele so leicht durchbohren kann. Sprich, Andres, wenn hier eine List oder ein Betrug im Spiel wäre, hätte ich nicht eher verschweigen müssen, wer dieser Jüngling ist? Bin ich so töricht, daß ich dir Anlaß geben sollte, meine Tugend und meine Aufrichtigkeit in Zweifel zu ziehn? Um des Himmels willen, schweig, Andres, und sieh, daß du morgen früh dem Gegenstand deines Schreckens das Geheimnis entlockst, wohin er gehe oder was er eigentlich suche; denn es wäre ja möglich, daß deine Vermutung ebenso falsch wäre, wie das, was ich von ihm gesagt habe, richtig ist. Und zu deiner noch größeren Beruhigung – da ich nun schon einmal so weit gekommen bin, für deine Ruhe sorgen zu müssen – verabschiede den jungen Menschen, welches auch die Art und Absicht seiner Reise sei, sogleich wieder und eile, daß er dir aus den Augen kommt. Die ganze Bande gehorcht dir ja, und niemand wird ihm gegen deinen Willen Aufenthalt im Zelt gewähren. Geschieht dies aber nicht, so gebe ich dir mein Wort, daß ich meine Hütte nicht verlassen und mich weder vor ihm noch vor irgend jemand werde blicken lassen, der dir nicht genehm ist.“
Und sie fügte noch hinzu: „Sieh, Andres, es tut mir nicht weh, dich eifersüchtig zu sehn, aber es würde mir sehr weh tun, wenn ich dich nicht mehr mit deiner bisherigen Klugheit handeln sähe.“