„Solange du mich noch nicht wahnsinnig siehst, Preziosa,“ erwiderte Andres, „wird dir nichts die bittere, furchtbare Angst der Eifersucht noch die Qualen meiner Brust verraten können; indessen will ich tun, was du mir gebietest, und ich will, wenn möglich, zu erfahren suchen, was dieser Herr Page und Dichter will, wohin er geht und was er sucht, denn vielleicht bekomme ich durch irgendeinen unvorsichtig von ihm hingeworfenen Faden den ganzen Knäuel in die Hände, mit dem er mich, wie ich fürchte, umgarnen wollte.“

„Die Eifersucht,“ entgegnete Preziosa, „scheint mir, läßt den Verstand niemals so frei, daß er die Dinge beurteilen könnte wie sie sind. Sie sieht immer durch Brillen, die kleine Dinge groß, Zwerge zu Riesen und Vermutungen zur unzweifelhaften Gewißheit machen. Bei deinem und meinem Leben beschwöre ich dich, Andres, handle in dieser Angelegenheit sowie in allem, was unsre Übereinkunft betrifft, vorsichtig und klug. Tust du dies, so stehe ich meinerseits dafür ein, daß du mir den Preis der Sittsamkeit, Vorsicht und Offenheit wirst zuerkennen müssen.“

Damit verabschiedete sie sich von Andres, der mit Verlangen dem Anbruch des Tages entgegensah, um dem Verwundeten seine Beichte abzunehmen. Die Seele voll tausend widersprechender Vorstellungen, vermochte er nicht, den Glauben zu bannen, der Page sei durch Preziosas Schönheit herbeigelockt worden; denn wer stiehlt, hält alle andern auch für Diebe. Er sagte sich jedoch, Preziosa habe ihm ein hinlänglich starkes Sicherheitspfand gegeben, so daß er sich beruhigen und sein ganzes Glück in die Hände ihrer Tugend legen könne.

Endlich brach nach, wie ihm schien, ungewöhnlich langem Zaudern der Tag an; er begab sich zu dem Fremden und fragte ihn, wie er heiße, wohin er gehe und warum er so spät und so abseits der Landstraße reise, doch hatte er sich zuvor nach seinem Befinden erkundigt und gefragt, ob die Bisse ihn noch schmerzten. Der junge Mensch erwiderte, er befinde sich nun besser und sei ohne allen Schmerz, so daß er sich wieder auf den Weg machen könne. Über seinen Namen und das Ziel seiner Reise sagte er weiter nichts, als daß er Alonso Hurtado heiße und in einer gewissen Angelegenheit zu „Unsrer Frau von Penna di Francia“[3] wandere. Um schneller dorthin zu kommen, reise er auch bei Nacht; er habe in der eben vergangenen den Weg verloren und sei zufällig in dieses Lager geraten, wo ihn die Wachthunde auf die geschilderte Art zugerichtet hätten. Andres hielt diese Erklärung keineswegs für wahrheitsgemäß; von neuem fuhr ihm sein Argwohn über die Seele, und er sprach:

„Freund, wäre ich Richter, und Ihr wäret wegen irgendeines Vergehens meiner Gerichtsbarkeit verfallen, so daß ich Euch diese Fragen stellen müßte, ich wäre durch Eure Antwort genötigt, Gewalt gegen Euch zu gebrauchen. Ich will jetzt nicht mehr wissen, wer Ihr seid, wie Ihr heißet und wohin Ihr geht; aber ich rate Euch: wenn es Euch auf dieser Reise von Nutzen sein sollte zu lügen, so bringt Eure Lüge wahrscheinlicher vor. Ihr sagt, Ihr reiset nach Penna di Francia und habt diesen Ort doch hier, wo wir sind, schon volle dreißig Stunden rechts hinter Euch. Ihr reiset bei Nacht, um schneller anzukommen, und streicht doch außerhalb der Straße unter Büschen und Bäumen umher, wo es kaum Fußpfade, geschweige denn Landstraßen gibt. Steht auf, Freund, lernet lügen und geht mit Gott. Aber werdet Ihr mir für den guten Rat, den ich Euch hiermit gebe, nicht eine Wahrheit sagen? Ich denke wohl, da Ihr Euch ja doch so schlecht aufs Lügen versteht! Sagt mir denn, seid Ihr vielleicht ein Mensch, so in der Mitte zwischen Page und Kavalier, den ich oft in der Residenz gesehen habe, wo er in dem Rufe eines großen Dichters stand und eine Romanze und ein Sonett an ein Zigeunermädchen richtete, das unlängst in Madrid umherzog und als eine ausgezeichnete Schönheit galt? Sagt mirs; ich verspreche Euch auf Zigeunerehre, Euer Geheimnis so gut zu bewahren, wie Ihr es nur wünschen könnt. Bedenkt, daß es zu nichts führen kann, wenn Ihr die Wahrheit leugnet, da ich Euer Gesicht, das ich vor mir sehe, sicher erkenne; denn natürlich veranlaßte mich der Ruf Eurer ausgezeichneten Geistesgaben, Euch als einen seltenen und besondern Menschen mehr als einmal ins Auge zu fassen, und so habe ich mir denn Eure Gestalt so ins Gedächtnis eingeprägt, daß ich Euch wiedererkannte, obgleich Eure jetzige Tracht von Eurer damaligen so verschieden ist. Macht Euch deshalb keine Sorge, seid guten Muts und glaubt nicht unter einen Haufen Spitzbuben, sondern an einen Zufluchtsort geraten zu sein, an dem man Euch gegen die ganze Welt zu schützen und zu verteidigen weiß. Seht, ich denke mir etwas, und verhält es sich so, wie ich es mir denke, so hat Euch Euer guter Stern mit mir zusammengeführt. Ich denke mir nämlich, daß Ihr in Preziosa, das schöne Zigeunermädchen, auf das Ihr die Verse machtet, verliebt seid und hierherkamt, um sie aufzusuchen; ich schätze Euch darum auch nicht geringer, sondern um vieles höher. Bin ich auch nur ein Zigeuner, so weiß ich doch aus Erfahrung, wie weit die mächtige Gewalt der Liebe sich erstreckt, und welchen Verwandlungen sie alle unterwirft, die unter ihr Joch geraten. Verhält es sich wirklich so mit Euch, worüber denn wohl kaum ein Zweifel walten dürfte, so ist die kleine Zigeunerin hier.“

„Ja, sie ist hier,“ erwiderte der Fremde, „ich habe sie heute nacht gesehn,“ – ein Wort, das Andres wie der Tod durchs Herz ging, denn es schien ihm seinen Argwohn zu bestätigen. „Ich habe sie heute nacht gesehn,“ fuhr der Jüngling fort, „aber nicht gewagt, ihr zu sagen, wer ich bin, weil es mir nicht geraten schien.“

„So seid Ihr“, rief Andres, „wirklich der Dichter, von dem ich sprach?“

„Ja, ich bin es,“ entgegnete der junge Mann, „ich kann und will es nicht leugnen. Vielleicht daß ich jetzt gerade da, wohin ich zu meinem Unglück gekommen zu sein glaubte, mein Glück finde, wenn anders man Treue in den Wäldern und gastliche Aufnahme in den Bergen trifft.“

„Die trifft man allerdings,“ versetzte Andres, „und überdies unter uns Zigeunern die größte Verschwiegenheit. In dieser Zuversicht könnt Ihr mir Euer Herz eröffnen, Herr, denn Ihr werdet in meinem nicht die geringste Arglist finden. Das Zigeunermädchen ist meine Verwandte und unterwirft sich, falls Ihr sie etwa zur Frau haben wollt, ganz dem, was ich ihr rate; ich und all ihre übrigen Verwandten, wir hätten Vorteil davon und würden es gern sehn. Wollt Ihr sie nur zur Freundin, so werden wir auch gegen einen Mann nicht sonderlich heikel sein, der Geld hat, denn nie verläßt die Habgier unser Lager.“

„Geld habe ich,“ antwortete der Jüngling; „in den Ärmeln des Hemdes da, das ich mir um den Leib geknüpft, bringe ich vierhundert Goldtaler mit.“