Das war für Andres ein zweiter Todesstreich, denn er glaubte, man werde nicht so viel Geld bei sich tragen, wenn man nicht eine teure Ware zu kaufen denke. Mit unsicherer Stimme sagte er:

„Das ist ein hübsches Sümmchen; Ihr braucht Euch nur noch zu entdecken, und dann ans Werk! Denn das Mädchen ist nicht auf den Kopf gefallen und wird wohl einsehn, wie gut es für sie ist, wenn sie die Eure wird.“

„Ach, Freund,“ erwiderte der Jüngling, „die Gewalt, die mich genötigt hat, meine Tracht so zu ändern, ist weder die Liebe, von der Ihr sprecht, noch überhaupt eine Sehnsucht nach Preziosen, denn es gibt Schönheiten in Madrid, die einem ebensogut, ja besser als die reizendsten Zigeunerinnen das Herz rauben und die Seele gefangennehmen können, wenn ich auch zugeben muß, daß die Reize Eures Bäschens alles übertreffen, was ich je gesehn habe. In diese Kleidung aber, auf die Wanderschaft und unter die Zähne der Hunde hat mich nicht die Liebe, sondern mein Unglück getrieben.“

Bei diesen Worten kehrten Andres die verlorenen Lebensgeister wieder zurück, denn die Rede des jungen Mannes schien einem andern Ziele zuzulenken, als er hatte glauben müssen. Begierig, diese Verwirrung zu lösen, gab er dem Gaste von neuem die Versicherung, daß er sich ohne Rückhalt entdecken dürfe, und dieser fuhr also fort:

„Ich lebte in Madrid im Hause eines Herrn vom hohen Adel, dem ich jedoch nicht als einem Gebieter, sondern als meinem Verwandten diente. Er hatte einen einzigen Sohn zum Erben, der mich sowohl wegen unsrer Verwandtschaft, wie auch weil wir beide in einem Alter standen und gleichen Charakters waren, vertraulich als seinen Freund behandelte. Nun geschah es, daß dieser Kavalier sich in ein vornehmes Fräulein verliebte, welches er gern zur Gemahlin erwählt hätte; als guter Sohn jedoch unterwarf er seinen Willen dem seiner Eltern, die ihn noch höher zu verheiraten trachteten, machte aber jener, von allen Augen, die seine geheime Neigung hätten verraten können, unbemerkt, noch fortwährend die Aufwartung; nur ich war Zeuge seines Tuns. Nun sahen wir an einem Abend, den das Unglück für das Ereignis, das ich sogleich erzählen werde, eigens ausgewählt haben mußte, sahen wir, als wir eben aus dem Hause jener Dame traten, zwei Männer von scheinbar guter Herkunft an der Türe lehnen. Mein Vetter wollte sehn, wer sie seien; kaum aber war er auf sie zugetreten, als sie mit großer Schnelligkeit nach den Degen und nach zwei kleinen Schilden griffen und auf uns eindrangen. Natürlich zogen auch wir, und so griffen wir uns denn mit gleichen Waffen an. Der Kampf dauerte nicht lange, denn schnell war es um das Leben unsrer beiden Gegner getan; sie waren gleich nach den beiden ersten Streichen verloren. Meinem Vetter verlieh die Eifersucht und mir das Bestreben, ihn zu verteidigen, Kraft und Schwung – gewiß ein wunderbarer und seltener Fall! Wir kehrten mit unserm ungesuchten Sieg nach Hause zurück, rafften so viel Geld zusammen, wie wir konnten, und begaben uns in das Kloster des heiligen Januarius, wo wir den Tag erwarteten, der den Vorfall ans Licht bringen und zeigen mußte, auf wen der Verdacht der Täterschaft fallen würde. Wir erfuhren jedoch, daß nicht das geringste Zeichen gegen uns spräche; daher rieten uns die klugen Geistlichen, nach Hause zurückzukehren, um nicht durch unsre Abwesenheit Verdacht zu erregen. Schon wollten wir ihrem Rate folgen, als wir Nachricht erhielten, die Herren Hofrichter hätten die Eltern des Fräuleins und das Fräulein selbst in ihrem Hause verhaftet, und von den Bedienten, die man ins Verhör genommen, habe eine Magd ausgesagt, mein Vetter sei bei Nacht und bei Tage oftmals bei ihrer Gebieterin gewesen. Auf diese Anzeige hin sei man sogleich davongeeilt, um uns herbeizuschaffen, und da man nicht uns, wohl aber viele Spuren unsrer Flucht gefunden, habe sich bei dem ganzen Gerichtshof die Ansicht festgesetzt, daß wir jene beiden Kavaliere (denn das waren sie, und zwar aus sehr angesehenen Häusern) getötet hätten. Kurz, auf den Rat des Grafen, meines Verwandten, und der Geistlichen wandte sich mein Gefährte, nachdem wir uns vierzehn Tage lang im Kloster aufgehalten hatten, in Mönchstracht, begleitet von einem andern Mönch, nach Aragonien, um sich dann nach Italien und von dort aus nach Flandern zu begeben, wo er den Verlauf der Sache abwarten wollte. Ich für mein Teil wollte mein Schicksal von dem seinen trennen und schlug daher, damit unser Geschick nicht den gleichen Lauf nähme, zu Fuß und in der Tracht eines Laienbruders einen andern Weg ein, begleitet von einem andern Geistlichen, der mich in Talavera verließ. Von dort bin ich allein und abseits von der Straße weitergezogen, bis ich bei Nacht zu Eurem Lager gelangte, wo mir begegnete, was Ihr ja wißt. Wenn ich von dem Wege nach Penna di Francia sprach, so geschah es nur, um Euch auf Eure Frage irgendeine Antwort zu geben, denn in Wahrheit weiß ich nichts weiter von jenem Orte, als daß er oberhalb Salamankas liegt.“

„Das ist richtig,“ entgegnete Andres, „und Ihr habt es schon fast zwanzig Stunden weit von hier zur rechten Hand liegen lassen, und daraus könnt Ihr sehn, wie wunderlich mir Euer Weg erscheinen mußte, wenn Ihr wirklich dorthin wolltet.“

„Eigentlich wollte ich nach Sevilla,“ versetzte der Jüngling, „denn ich kenne dort einen vertrauten Freund des Grafen, meines Vetters, einen genuesischen Kavalier, der große Silbersendungen nach Genua zu schicken pflegt. Ich wollte ihn bitten, mich den Leuten, die den Transport besorgen, einzureihen, denn so gedachte ich, da in kurzer Zeit wieder zwei Galeeren eintreffen sollen, um das Silber an Bord zu nehmen, nach Cartagena und von dort nach Italien zu gelangen. Das, lieber Freund, ist meine Geschichte; urteilt selbst, ob mich nicht eher das Unglück treibt, als die Liebe. Wenn die Herren Zigeuner mich aber, falls sie selber nach Sevilla gehn, dorthin mitnehmen wollen, so will ich sie gut dafür bezahlen, denn ich sehe, daß ich in ihrer Begleitung sicherer und ohne Besorgnis reisen kann.“

„Sie werden Euch wohl mitnehmen,“ antwortete Andres, „und wenn Ihr nicht mit unsrer Truppe reisen könnt (denn bis jetzt weiß ich noch nicht, ob wir nach Andalusien gehn), so könnt Ihr Euch einer andern anschließen, mit der wir in zwei oder drei Tagen zusammentreffen werden. Gebt Ihr der ein wenig von dem, was Ihr bei Euch habt, so werdet Ihr Euch den Weg zu jeder Unmöglichkeit bahnen.“

Andres verließ ihn und erstattete den andern Zigeunern Bericht von der Erzählung und von den Wünschen des jungen Mannes, sowie von seinem Anerbieten, gut zu zahlen. Alle waren der Ansicht, er sollte in der Bande bleiben, nur Preziosa wollte es nicht, und die Großmutter sagte, sie könnte weder nach Sevilla gehn noch in die Umgegend, und zwar wegen eines Scherzes, den sie sich vor einigen Jahren mit einem in jener Stadt sehr bekannten Mützenmacher, namens Triguillos, erlaubt hätte. Sie habe ihn nämlich veranlaßt, splitternackt, mit einem Zypressenkranz auf dem Kopfe, bis an den Hals in ein Faß mit Wasser zu steigen und so die Mitternacht zu erwarten, um dann herauszusteigen und einen Schatz zu heben, der, wie sie ihm vorgelogen hätte, an einem bestimmten Ort seines Hauses liege. „Wie nun“, fuhr sie fort, „der gute Kappenmacher die Frühmesse läuten hörte, hatte er, um nicht den rechten Augenblick zu versäumen, solche Eile, aus dem Faß herauszukommen, daß er damit umfiel und sich durch den harten Sturz und die losspringenden Splitter den nackten Leib übel zerfetzte. Das Wasser lief heraus, er plätscherte darin herum und schrie aus vollem Hals, er ertrinke. Sein Weib und seine Nachbarn rannten unverzüglich mit Lichtern herbei und fanden ihn, wie er allerlei Schwimmbewegungen machte, prustete, den Bauch auf dem Boden fortschleppte, mit Armen und Beinen zappelte und laut rief: ‚Zu Hilfe, zu Hilfe, ich ertrinke!‘ Denn die Angst hatte sich seiner so bemächtigt, daß er allen Ernstes zu ertrinken glaubte. Sie faßten ihn bei den Armen und entrissen ihn der Gefahr; er kam zu sich und erzählte den Zigeunerstreich. Nichtsdestoweniger aber und allen zum Trotz, die da behaupteten, das Ganze sei nur eine Prellerei, grub er an dem bezeichneten Ort bis über Mannshöhe hinunter, und hätte ihn nicht ein Nachbar gehindert, an dessen Hausfundament er schon streifte, so hätte er beide Häuser zum Einsturz gebracht. Die Geschichte machte die Runde in der ganzen Stadt, so daß selbst die Kinder mit Fingern auf ihn zeigten und von seiner Leichtgläubigkeit und meinem Schwank erzählten.“