Andres war über die Entschlossenheit Carduchas nicht wenig erstaunt und antwortete so schnell, wie sie es verlangt hatte: „Teure Jungfer, ich bin schon versagt, und wir Zigeuner heiraten nur Zigeunerinnen. Segne Gott Sie für die Gnade, die Sie mir angedeihen lassen wollte und deren ich nicht würdig bin.“

Es fehlte wenig, so wäre Carducha ob Andres' bitterer Antwort tot zu Boden gesunken. Eben wollte sie entgegnen, als sie einige Zigeunerinnen in den Hof treten sah. Beschämt und bestürzt eilte sie fort, fest entschlossen, sich sobald wie möglich zu rächen. Andres beschloß als verständiger Mensch, sich aus dem Staube zu machen und dieser Schlinge, die ihm der Teufel legte, aus dem Wege zu gehn; denn er las in Carduchas Augen, daß sie sich ihm auch ohne die Bande der Ehe hingeben würde, und es gelüstete ihn keineswegs, sich allein in diesen Kampf einzulassen. So bat er denn die andern Zigeuner, noch am nämlichen Abend aufzubrechen. Sie trafen sogleich, wie sie ihm stets Folge leisteten, die nötige Veranstaltung, holten ihre Pfänder noch am Abend ab und machten sich auf den Weg. Carducha, die fühlte, daß mit Andres die Hälfte ihres Lebens wegzog, und sah, daß ihr keine Zeit blieb, um das Ziel ihrer Wünsche zu erreichen, beschloß, den Geliebten mit Gewalt zurückzuhalten, da es ihr mit guten Worten nicht gelingen wollte. Sie schmuggelte also heimlich und listig, wie ihr arger Plan es verlangte, in Andres' Gepäck, das sie kannte, einige wertvolle Korallen sowie zwei silberne Schaumünzen und noch andre von ihren Kostbarkeiten ein. Kaum waren die Gäste aus dem Hause, als sie lautes Geschrei erhob: die Zigeuner hätten ihr ihren Schmuck gestohlen, worauf die Büttel und Dorfbewohner herbeieilten. Die Zigeuner machten halt und schworen, sie hätten nicht die geringste Kleinigkeit mitgenommen, und sie wollten alle Säcke und Behältnisse der Truppe öffnen. Die alte Zigeunerin geriet in nicht geringe Angst, bei dieser Durchsuchung möchten Preziosens Geld und Andres' Kleider, die sie in strengster Heimlichkeit und Vorsicht verbarg, zutage kommen. Allein die gute Carducha benahm ihr die Sorge auf kürzestem Wege, indem sie schon bei Besichtigung des zweiten Päckchens sagte, man möchte nur fragen, wo das Gepäck des großen Tänzers sei, denn diesen habe sie zweimal in ihr Zimmer treten sehn, und es sei daher gar wohl möglich, daß er ihr die Sachen gestohlen habe. Andres merkte wohl, daß er gemeint sei, und sagte lächelnd: „Werte Jungfer, da ist mein Reisegerät, und da ist mein Esel! Findet Sie in jenem oder auf diesem, was Ihr fehlt, so will ichs Ihr siebenfach ersetzen und mich überdies der Strafe unterwerfen, die das Gesetz den Dieben zuerkennt.“

Die Büttel eilten sogleich herbei, um den Esel abzupacken, und hatten nach wenigen Griffen das gestohlene Gut gefunden, worüber Andres so bestürzt und erstaunt war, daß er stumm wie eine Bildsäule dastand.

„Habe ich nicht recht gehabt?“ rief Carducha. „Seht doch, hinter welch ehrlichem Gesicht sich ein solcher Spitzbube verstecken kann!“

Der Schulze, der zugegen war, überschüttete Andres und alle Zigeuner sogleich mit tausend Schmähworten und nannte sie Diebe und Straßenräuber. Andres schwieg zu allem, stand sinnend und in sich versunken da, erriet aber mit keinem Gedanken Carduchas Verräterei. Inzwischen kam ein stolzierender Soldat, ein Neffe des Schulzen, herbei und rief:

„Seht einmal, welche Angst dem Zigeuner da sein eigner Diebstahl macht! Ich will wetten, er macht noch Umstände und leugnet den Raub auch dann noch, wenn er ihn schon in den Händen davonträgt. Es wäre am besten, man schickte das ganze Gesindel auf die Galeeren. Wäre es nicht besser, der Schurke da diente Seiner Majestät, als daß er von Dorf zu Dorf tanzt und von Wirtshaus zu Wirtshaus stiehlt? Auf Soldatenehre, ich will ihm eine Ohrfeige geben, daß er vor mir zu Boden stürzt!“

Damit hob er ohne weiteres die Hand und gab Andres einen solchen Backenstreich, daß er aus seiner Betäubung erwachte und sich plötzlich entsann, daß er nicht der Herren-Andres war, sondern Don Juan und ein Kavalier. Mit unglaublicher Schnelligkeit und noch größerer Wut stürzte er sich auf den Soldaten, riß ihm den eignen Degen aus der Scheide und stieß ihn ihm in den Leib, so daß er tot zu Boden fiel. Doch nun, wie schrie das Volk, und wie tobte der Oheim! Preziosa fiel in Ohnmacht, und Andres graute, sie so zu sehn. Alles griff zu den Waffen und fiel über den Mörder her. Die Verwirrung und der Lärm wuchsen; Andres eilte der ohnmächtigen Preziosa zu Hilfe und dachte nicht mehr an seine Verteidigung. Überdies wollte das Schicksal, daß Klemens bei dem unglücklichen Ereignis nicht zugegen war, da er mit seinem Gepäck das Dorf schon verlassen hatte. Kurz man fiel in solcher Zahl über den Mörder her, daß er überwältigt und mit zwei schweren Ketten gefesselt wurde. Der Schulze hätte ihn gern auf der Stelle hängen lassen, wenn es in seiner Macht gelegen wäre, aber so mußte er ihn nach Murcia abliefern, in dessen Gerichtssprengel das Dorf gehörte. Erst am folgenden Tage führte man ihn dorthin, und inzwischen hatte der Gefangene genug der Qualen und Schmähungen zu erdulden, die der entrüstete Schulze und sein Büttel sowie die ganze Einwohnerschaft des Fleckens über ihn ausgossen. Jener nahm alle Zigeuner und Zigeunerinnen, deren er habhaft werden konnte, gefangen; die Mehrzahl jedoch war entflohen, unter ihnen auch Klemens, der bei einer Verhaftung erkannt zu werden fürchtete. Kurz der Schulze zog mit dem Protokoll über den Hergang und einer Karawane von Zigeunern, in der sich Preziosa und auf einem Esel der arme, mit Ketten, Handschellen und Fußeisen gefesselte Andres befanden, umgeben von Bütteln und vielen andern bewaffneten Leuten in Murcia ein. Die ganze Stadt strömte heraus, um die Gefangenen zu sehn, denn schon hatte man von der Tötung des Soldaten gehört. Preziosa strahlte jedoch an diesem Tage in solcher Schönheit, daß jeder, der sie gewahr wurde, in Lobeserhebungen ausbrach, und das Gerücht von ihrem Reize gelangte denn auch der Frau Stadtrichterin zu Ohren. Begierig, das Wunder zu sehn, bat sie ihren Mann, den Stadtrichter, diese Zigeunerin nicht in das Gefängnis zu sperren, in das alle übrigen kamen. Andres dagegen warf man in ein enges Loch, wo ihm die Finsternis und die Trennung von seiner zweiten Sonne, von Preziosa, so bedrückten, daß er nicht mehr hoffte, das Licht des Tages vor seinem Todesgange wiederzusehn.

Preziosa und ihre Großmutter führte man sofort der Stadtrichterin vor, die, als sie sie kaum gesehn hatte, schon rief: „Mit Recht preist man ihre Schönheit!“ Damit trat sie auf Preziosa zu, umarmte sie und konnte sich an ihr nicht satt sehn und fragte die Großmutter, wie alt die Kleine sei.

„Ein paar Monate mehr oder weniger als fünfzehn Jahre,“ antwortete die Zigeunerin.

„So alt wäre jetzt eben auch meine arme Constanza!“ entgegnete die Stadtrichterin. „Ach, ihr guten Leute, wie ruft mir dies Mädchen mein Unglück zurück!“