Kaum hatte die Stadtrichterin den Inhalt des Papiers vernommen, als sie den Schmuck plötzlich wiedererkannte und, indem sie ihn an den Mund drückte und mit unzähligen Küssen bedeckte, ohnmächtig niedersank. Der Stadtrichter eilte ihr erst zu Hilfe, ehe er die Zigeunerin weiter nach seinem Kinde fragte; sie aber rief, sobald sie wieder zu sich gekommen war: „Liebstes Mütterchen, mehr Engel als Zigeunerin, wo ist die Besitzerin, ich meine das Kind, dem dieser Putz gehörte?“

„Wo, gnädige Frau?“ erwiderte die Zigeunerin. „In Eurem Hause habt Ihr sie; dem Zigeunermädchen, das Euch die Tränen in die Augen trieb, gehört der Putz, und sie ist ohne Zweifel Eure Tochter, die ich in Madrid an dem Tage und zu der Stunde, die der Zettel angibt, aus Eurem Hause gestohlen habe.“

Als die erregte Dame das hörte, schleuderte sie in der Eile die Pantoffeln von sich und eilte in vollem Lauf in den Saal, wo sie Preziosa zurückgelassen hatte und sie nun, umgeben von ihren Mädchen und Dienerinnen, immer noch weinend fand. Sie stürzte auf sie zu, entblößte ihr in voller Hast, ohne ein Wort zu sagen, den Busen und sah nach, ob sie unter der linken Brust ein kleines Mal in Form eines weißen Fleckes habe, mit dem sie auf die Welt gekommen war. Wirklich fand sie es noch, wenn auch durch die Zeit bedeutend größer geworden. Dann zog sie ihr ebenso schnell den Schuh aus, enthüllte einen Fuß, der wie aus Schnee und Elfenbein gedrechselt war, und entdeckte auch dort, was sie suchte, nämlich daß die zwei letzten Zehen des rechten Fußes in der Mitte durch ein wenig Fleisch verbunden waren, das man ihr als Kind nicht hatte durchschneiden wollen, um ihr keinen Schmerz zu machen.

Brust, Zehen, Schmuck, Tag des Diebstahls, das Geständnis der Zigeunerin und endlich der freudige Schreck, den die Eltern bei ihrem Anblick empfunden hatten – all das ließ in der Seele der Stadtrichterin keinen Zweifel mehr übrig, daß Preziosa ihre Tochter war. Sie schloß sie daher in die Arme und kehrte mit ihr zum Stadtrichter und der Zigeunerin zurück. Preziosa war ganz verwirrt, da sie nicht wußte, weshalb man diese Untersuchung mit ihr vorgenommen hatte, zumal die Stadtrichterin sie jetzt gar in ihre Arme schloß und sie mit Küssen bedeckte. Endlich kam Doña Guiomar mit ihrer kostbaren Bürde bei ihrem Gatten an, legte sie ihm in die Arme und sprach:

„Empfanget hier, mein Gemahl, Eure Tochter Constanza; sie ist es, Ihr dürft nicht den geringsten Zweifel hegen, denn ich habe das Zeichen an den Zehen und an der Brust gesehn, und mehr noch als diese hat mein Herz es mir gesagt, vom ersten Augenblick an, da meine Augen sie sahen.“

„Ich zweifle nicht daran,“ entgegnete der Stadtrichter, als er Preziosa in den Armen hielt, „denn dieselben Gefühle sind auch durch mein Herz gegangen; und überdies könnten so viele Einzelheiten bei einer, die nicht unser Kind wäre, nur durch ein Wunder zusammentreffen.“

Sämtliche Diener im Hause waren der Verwunderung voll, und die einen fragten die andern, was dies denn heißen sollte. Keiner aber traf das Rechte, und wer hätte sich auch denken können, daß das Zigeunermädchen die Tochter der Herrschaft sei? Der Stadtrichter ermahnte Frau und Kind und die alte Zigeunerin, die Sache so lange geheimzuhalten, bis er selbst sie kundtun würde. Zugleich versicherte er der Alten, daß er ihr alles, was sie ihm durch den Raub seines Kindes angetan, verzeihe; ja die Entschädigung, die sie ihm durch dies Wiedersehn gewähre, verdiene noch obendrein Lohn. Es kränke ihn nur, daß sie, die doch von Preziosens Stande gewußt, sie mit einem Zigeuner, ja einem Räuber und Mörder verlobt habe.

„Ach, mein Vater,“ rief Preziosa, „er ist weder ein Zigeuner noch ein Räuber, wenn er auch einen Menschen erschlagen hat; denn er erschlug nur den, der ihm seine Ehre rauben wollte; und um zu zeigen, wer er sei, konnte er nichts Geringeres tun, als ihn töten.“

„Wie, er ist kein Zigeuner, mein Kind?“ fragte Doña Guiomar.