Da erzählte die alte Zigeunerin kurz die Geschichte des Herren-Andres: daß er der Sohn des Don Francisco de Carcamo, Ritters von Sant Jago, sei, Don Juan de Carcamo heiße und denselben Orden trage, wie sie denn seine Ordenstracht, die er gegen die Zigeunerkleider umgetauscht, noch bei sich habe. Ebenso berichtete sie von der zwischen Preziosa und Don Juan getroffenen Abrede, nach der er vor der Verlobung eine Probezeit von zwei Jahren bestehen sollte, und pries die Sittsamkeit beider und Don Juans liebenswürdigen Charakter. Die beiden wunderten sich hierüber fast ebensosehr wie über das Wiedersehn mit ihrer Tochter, und der Stadtrichter ließ deshalb die Alte Don Juans Kleider holen. Sie ging und kehrte bald mit einem andern Zigeuner zurück, der sie trug.
Während ihrer Abwesenheit hatten die Eltern hunderttausend Fragen an Preziosa gerichtet, die sie mit so viel Verstand und Anmut beantwortete, daß sie das ganze Herz der Fragenden gewonnen hätte, wenn sie auch nicht gewußt hätten, daß sie ihre Tochter war. Sie fragten, ob sie Don Juan liebte, und sie erwiderte: nicht mehr, als sie aus Erkenntlichkeit einen Menschen lieben müßte, der um ihretwillen bis zum Zigeuner herabgestiegen sei; sie werde jedoch ihre Dankbarkeit nie weiter ausdehnen, als ihre verehrten Eltern ihr gestatten würden.
„Still, meine Preziosa,“ erwiderte der Vater, „denn dieser an das Kostbarste erinnernde Name soll dir zur Erinnerung an dein Verschwinden und deine Wiederauffindung bleiben; ich als dein Vater nehme es auf mich, einen Gemahl für dich auszuwählen, der deines Standes nicht unwürdig ist.“
Preziosa seufzte, und ihre Mutter merkte, zartfühlend wie sie war, daß dieser Seufzer auf Liebe zu Don Juan deutete, daher sagte sie zu ihrem Gatten: „Mein Gemahl, da Don Juan de Carcamo von so gutem Hause und unsrer Tochter so ergeben ist, so würde es uns nicht zur Unehre gereichen, wenn wir sie ihm zur Frau gäben.“
Er erwiderte: „Erst heute haben wir sie gefunden, und Ihr wollt schon, daß wir sie verlieren? Erfreuen wir uns ihrer eine Zeitlang, denn wenn Ihr sie verheiratet, gehört sie nicht mehr Euch, sondern Ihrem Manne an.“
„Ihr habt recht, mein Gemahl,“ versetzte sie; „aber gebt mindestens Befehl, daß Don Juan, der sich sicher in einem unterirdischen Kerker befindet, an einen andern Ort gebracht werde.“
„Gewiß befindet er sich in einem solchen,“ rief Preziosa, „denn einem Räuber und Mörder, der obendrein ein Zigeuner ist, hat man schwerlich einen bessern Aufenthaltsort eingeräumt.“
„Ich will selbst zu ihm gehn,“ erwiderte der Stadtrichter, „als wollte ich ihn ins Verhör nehmen. Noch einmal trage ich Euch auf, meine Gemahlin, daß niemand etwas von dieser Geschichte erfahre, bis ich es für gut halte.“
Damit umarmte er Preziosa, begab sich unverweilt in das Gefängnis und von da ohne jede Begleitung in das unterirdische Verlies, in dem Don Juan lag. Er fand ihn mit beiden Beinen in einen Block geschlossen und mit Handschellen gefesselt; ja selbst das Fußeisen hatte man ihm noch nicht abgenommen. Die Zelle war ganz finster; der Stadtrichter ließ aber einen nach oben gehenden Kellerhals öffnen, so daß notdürftig ein wenig Licht hereinfiel, und sobald er den Gefangenen sehen konnte, hub er also an: