„Wie gehts, mein sauberer Vogel? Wenn ich nur alle Zigeuner Spaniens so aneinandergekoppelt bekäme, dann würde man an einem einzigen Tage mit ihnen fertig, wie Nero es gern mit ganz Rom auf einen einzigen Streich geworden wäre. Wisset, Meister Spitzbube, ich bin der oberste Richter dieser Stadt und will von Euch erfahren, ob wirklich ein Zigeunermädchen unter Eurer Begleitung Eure Braut ist.“

Als Andres dies hörte, glaubte er, der Stadtrichter habe sich in Preziosa verliebt; denn die Eifersucht gehört zu den flüchtigen Körpern, die andre Körper durchdringen, ohne sie zu durchbrechen, zu trennen oder zu zerteilen. Indessen erwiderte er: „Wenn sie gesagt hat, ich sei ihr Verlobter, so ist dies ganz richtig; und wenn sie gesagt hat, ich sei es nicht, so ist es ebenfalls richtig; denn Preziosa kann keine Lüge aussprechen.“

„Ist sie so wahrheitsliebend?“ fragte der Stadtrichter. „Das ist nicht wenig für eine Zigeunerin! Nun gut, Bursche, sie hat gesagt, sie sei Eure Braut, habe Euch aber die Hand noch nicht gegeben. Sie hat erfahren, daß Ihr Eures Verbrechens wegen sterben müßt, und bat mich deshalb, sie noch vor Eurem Tode mit Euch zu vermählen, denn sie setze eine Ehre darein, die Witwe eines so großen Spitzbuben zu sein.“

„So mögen denn Euer Gnaden tun, wie sie gebeten hat. Bin ich ihr angetraut, so werde ich mit Freuden ins andre Leben gehn, da ich das gegenwärtige als ihr Gatte verlasse.“

„Ihr scheint sie sehr zu lieben?“ fragte der Stadtrichter.

„So sehr,“ antwortete der Gefangene, „daß meine Liebe nichts wäre, wenn ich sie aussprechen könnte. Kurz, Herr Richter, kommt zum Schluß! Ich habe den getötet, der mir die Ehre rauben wollte; ich bete dieses Zigeunermädchen an, ich sterbe gern, wenn ich in ihrer Gunst sterbe, und ich weiß, daß die Gnade Gottes uns nicht fehlen wird, denn wir beide haben ehrlich und gewissenhaft gehalten, was wir einander gelobten.“

„So werde ich Euch denn heute nacht holen lassen,“ sagte der Stadtrichter, „Euch in meinem Hause mit Preziosa vermählen, und morgen mittag hängt Ihr am Galgen, wodurch ich der Gerechtigkeit wie auch Eurem beiderseitigen Wunsch Genüge tue.“

Andres dankte, und der Stadtrichter kehrte in sein Haus zurück und erzählte seiner Gemahlin, was er mit Don Juan gesprochen hatte und was er Weiteres zu tun gedächte. Während seiner Abwesenheit hatte Preziosa ihrer Mutter ihren ganzen Lebenslauf berichtet: wie sie sich immer für eine Zigeunerin und für die Enkelin jener Alten gehalten, sich jedoch stets viel höher geachtet habe, als man von einer wirklichen Zigeunerin hätte erwarten können. Die Mutter bat sie, ihr aufrichtig zu gestehn, ob sie Don Juan de Carcamo zugetan sei. Errötend und mit gesenkten Augen erwiderte sie, da sie sich für eine Zigeunerin gehalten habe und ihr Stand durch die Heirat mit einem Ordensritter und einem so vornehmen jungen Mann, wie Don Juan de Carcamo, sehr gehoben worden wäre; da ferner auch sein gutes Gemüt und sein sittsames Wesen ihr aus Erfahrung bekannt gewesen sei, so habe sie ihn hie und da mit Neigung betrachtet, doch habe sie ja schon gesagt, daß sie keinen andern Willen zu haben sich erlaube, als den ihrer Eltern.