Die Nacht kam, und gegen zehn Uhr holte man Andres ohne die Handschellen und den Fußblock aus dem Gefängnis; aber noch war er mit einer großen Kette gefesselt, die ihm von den Füßen aufwärts den ganzen Körper umschloß. So gelangte er, von niemand gesehn als von seinen Wächtern, ins Haus des Stadtrichters, wo man ihn in größter Stille in ein Zimmer führte und allein ließ. Nach einiger Zeit trat ein Geistlicher ein und hieß ihn beichten, weil er am folgenden Tage sterben müsse. Andres erwiderte: „Ich will von Herzen gern beichten, aber wird man mich nicht zuvor trauen? Wahrhaftig, nach der Trauung erwartet mich ein schlimmes Brautbett!“
Doña Guiomar, die dies von einem Nebengemach aus hörte, sagte zu ihrem Gemahl, er bürde Don Juan allzu schwere Qualen auf; er möge sie ihm doch erleichtern, denn der Gefangene könnte sonst dabei sterben. Das schien dem Stadtrichter richtig; so trat er denn ein und sagte dem Beichtvater, er wolle zuvor den Zigeuner mit der Zigeunerin trauen lassen; er solle nachher beichten und sich Gott von ganzem Herzen empfehlen, denn oft lasse Gott sein Erbarmen gerade dann herabtauen, wenn die Hoffnung am geringsten sei. Kurz, Andres trat in einen Saal, in dem sich nur Doña Guiomar, der Stadtrichter, Preziosa, die Alte, der Geistliche und zwei Bediente des Hauses befanden. Als jedoch Preziosa Don Juan von der großen Kette umwunden, mit bleichem Gesicht und Tränenspuren in den Augen vor sich stehn sah, da wurde sie schwach, und sie mußte sich auf den Arm der neben ihr stehenden Mutter stützen. Diese drückte sie ans Herz und sprach: „Komm zu dir, Kind, alles, was du siehst, wird sich dir noch in Freude und zum Guten kehren.“ Sie aber wußte nicht, wie sie sich trösten sollte, da sie von all dem nichts begriff; die alte Zigeunerin war verwirrt und alle andern höchst gespannt, was für ein Ende das nehmen würde. Der Stadtrichter begann: „Herr Pfarrverweser, dieser Zigeuner und diese Zigeunerin sind die Personen, die Euer Hochwürden trauen sollen.“
„Das kann ich nicht tun, wenn nicht die für einen solchen Fall nötigen Förmlichkeiten vorhergegangen sind. Wo geschah das Aufgebot? Wo ist der Erlaubnisschein meines Obern, daß ich dieses Paar trauen darf?“
„Das ist eine Unachtsamkeit von mir,“ entgegnete der Stadtrichter; „aber ich werde dafür sorgen, daß der Generalvikar die Erlaubnis erteilt.“
„Solange ich sie nicht gesehn habe,“ versetzte der Pfarrverweser, „mögen mir die Herrschaften verzeihn.“ Und ohne ein weiteres Wort verließ er, um kein Ärgernis zu erregen, das Haus, und alle blieben in Verwirrung zurück.
„Der ehrwürdige Vater hat ganz recht getan,“ rief endlich der Stadtrichter, „und vielleicht ist dies ein Wink der Vorsehung, damit Andres' Hinrichtung weiter hinausgeschoben werde. Denn er soll nun einmal Preziosa heiraten, und der Heirat müssen die Aufgebote vorausgehn; so wird ein Tag um den andern verstreichen, und Zeitgewinn verhilft aber gar oft in schlimmer Lage endlich noch zu einem glücklichen Ausgang. Indessen möchte ich denn doch von Andres wissen, ob er, falls das Schicksal seine Lage so wendet, daß er Preziosa ohne seine gegenwärtige Angst und Sorge zur Frau erhielte, dadurch glücklich würde, sei er nun der Herren-Andres oder Don Juan de Carcamo.“
Als Andres sich bei seinem Namen nennen hörte, sagte er: „So wollte sich also Preziosa nicht in den Schranken des Schweigens halten und hat entdeckt, wer ich bin! Wenn mich das Schicksal aber auch zum Fürsten der Welt gemacht hätte, ich würde dennoch nur sie als das Ziel meiner Wünsche sehn und außer ihr nach keinem Glücke streben, als nach der Gnade des Himmels.“
„Nun, für die gute Gesinnung, die Ihr gezeigt, Herr Don Juan de Carcamo, will ich seinerzeit dafür sorgen, daß Preziosa Eure rechtmäßige Gemahlin werde, und ich gebe Euch schon jetzt die Anwartschaft auf sie, als den kostbarsten Schatz meines Hauses, meines Lebens und meiner Seele; haltet sie immer so hoch, wie Ihr sagt, denn ich gebe Euch in ihr Doña Constanza de Meneses, meine einzige Tochter, die Euch an Abkunft nicht nachsteht, wie ihre Liebe der Euren gleichkommt.“
Andres stand ganz erschrocken da, als ihm plötzlich so viel Liebe kundgegeben wurde, und Doña Guiomar erzählte in wenigen Worten, wie ihre Tochter verloren war und wiedergefunden wurde, und sie berichtete von den untrüglichen Zeichen, die die alte Zigeunerin zum Beweise ihres Raubes angegeben hatte, so daß Don Juan in immer größeres Staunen geriet. Zugleich aber umarmte er in einem Taumel des Entzückens, der sich nicht schildern läßt, seine Schwiegereltern, nannte sie Vater und Mutter und seine Gebieter und küßte Preziosa die Hände, die ihn mit Tränen um die seinen bat.
Das Geheimnis wurde laut: die Nachricht von dem Vorfall verbreitete sich, sobald die beiden Bedienten, die Zeugen davon gewesen waren, zur Tür hinauskamen. Als der Schulze, der Oheim des Getöteten, Kunde davon erhielt, sah er wohl, daß ihm der Weg zur Rache verschlossen war, da sich die Strenge des Gesetzes gegen den Eidam des Stadtrichters nicht leicht würde anwenden lassen. Don Juan legte die Reisekleider an, die die Zigeunerin herbeigebracht hatte; Kerker und Ketten aus Eisen verwandelten sich in Freiheit und Ketten aus Gold und die Trauer der verhafteten Zigeuner in Freude; dem Oheim des Getöteten versprach man zweitausend Dukaten, wenn er die Klage fallen ließe und Don Juan verziehe. Dieser vergaß auch seinen Kameraden Klemens nicht und ließ ihn suchen. Man fand ihn aber nicht und erfuhr auch nichts über ihn, bis nach vier Tagen die sichere Nachricht einlief, daß er an Bord einer der beiden genuesischen Galeeren gelangt sei, die im Hafen von Cartagena gelegen hatten und jetzt bereits abgesegelt waren. Der Stadtrichter aber sagte Don Juan, er habe zuverlässige Kunde, daß sein Vater, Don Francisco de Carcamo, zum Richter in jener Stadt ernannt worden sei; man werde daher gut tun, auf seine Ankunft zu warten, damit die eigentliche Hochzeitsfeier mit seiner Einwilligung und Zustimmung vor sich gehe. Don Juan erwiderte, er werde keiner dieser Anordnungen widersprechen, vor allen Dingen aber müsse man ihn mit Preziosa trauen. Wirklich erteilte der Erzbischof die Erlaubnis, daß die Trauung nach nur einmaligem Aufgebot stattfinden durfte, und da der Stadtrichter sehr beliebt war, so feierte die Einwohnerschaft diesen Tag durch Beleuchtung, Stiergefechte und Lanzenbrechen. Die alte Zigeunerin blieb im Hause, denn sie wollte sich von ihrer Enkelin Preziosa nicht trennen.