Die Nachricht von den Begebenheiten und der Vermählung des Zigeunermädchens gelangte auch in die Residenz, und Don Francisco de Carcamo erfuhr, daß sein Sohn der Zigeuner und Preziosa das Zigeunermädchen gewesen sei, das bei ihm im Hause war. Mit ihrer Schönheit entschuldigte er den Leichtsinn seines Sohnes, den er schon für verloren gehalten hatte, denn er wußte, daß er nicht nach Flandern gegangen war. Mehr noch diente ihm der Gedanke als Entschuldigung, daß ihm die Heirat mit der Tochter eines so angesehenen und reichen Kavaliers, wie Don Fernando de Acevedo, gar gut anstehe. Er brach also eilends auf, um so schnell wie möglich bei seinen Kindern einzutreffen, und schon nach zwanzig Tagen kam er in Murcia an, wo jetzt die Freude von neuem begann, die Hochzeit festlich begangen und das Erlebte erzählt wurde. Die Dichter der Stadt aber, unter denen es einige vortreffliche gab, nahmen es auf sich, die außerordentliche Geschichte sowie die unvergleichliche Schönheit des Zigeunermädchens zu feiern, und bei dieser Gelegenheit schrieb der berühmte Lizentiat Pozo, daß durch seine Verse der Ruhm Preziosas dauern würde, solange die Jahrhunderte kreisten.

Vergessen habe ich zu bemerken, daß die verliebte Wirtstochter der Obrigkeit entdeckte, der angebliche Diebstahl des Zigeuners Andres sei erlogen gewesen, und daß sie ihre Liebe wie ihre Schuld bekannte. Sie entging jedoch der Strafe, da in der Freude über das Wiedersehn der Neuvermählten die Rache begraben wurde und die Milde auferstand.

Nachwort

Die Novellen des Cervantes („Novelas ejemplares“, was Heinrich von Kleist im Titel seiner Erzählungen durch „Moralische Novellen“ übersetzen wollte) erschienen vor genau 300 Jahren, im Jahre 1613, also acht Jahre nach dem ersten und zwei Jahre vor dem zweiten Teil des „Don Quijote“. In Deutschland machten den Dichter die Romantiker am nachdrücklichsten bekannt. Tieck übersetzte den „Don Quixote“ für den Berliner Verleger Unger, der auch mit Friedrich Schlegel darüber verhandelt hatte, und einer Übertragung der sämtlichen Werke durch Tieck kam nur die Übersetzung von Soltau zuvor. Doch auch bei den Klassikern fand Cervantes nun Beifall, wie denn Tieck selber den Don Quixote zuerst in der Übersetzung von Bertuch kennen gelernt hatte. Schiller schrieb nach der Lektüre der „Novelas“ an Goethe: „An den Novellen des Cervantes habe ich einen wahren Schatz gefunden, sowohl der Unterhaltung als der Belehrung. Wie sehr freut man sich, wenn man das anerkannte Gute auch anerkennen kann, und wie sehr wird man auf seinem Wege gefördert, wenn man Arbeiten sieht, die nach den eben geschilderten Grundsätzen gebildet sind, nach denen wir nach unserm Maße und in unserm Kreise selbst verfahren.“

Gedruckt bei Breitkopf und Härtel in Leipzig

Im Insel-Verlag/Leipzig sind erschienen

Miguel de Cervantes:

Die Novellen. Vollständige deutsche Ausgabe, auf Grund älterer Übertragungen bearbeitet von Konrad Thorer, eingeleitet von Felix Poppenberg. Titel- und Einbandzeichnung von Carl Czeschka. Zwei Bände. In Leinen M. 10.–, in Leder M. 12.–.

Diese Novellen wieder allgemein in sorgfältiger Behandlung des Textes, sehr angenehmer Übersetzung lebendig gemacht zu haben, darf dem Insel-Verlag zum Verdienste angerechnet werden; denn die zwei Bände werden niemanden enttäuschen, der Sinn für wahre Erzählungskunst und ein Meisterwerk zu bewundern und zu verstehen gelernt hat.

Ostdeutsche Rundschau.