„Nicht doch! Christina,“ antwortete Preziosa. „Vor einem einzelnen Mann mußt du dich hüten, und wenn du allein bist. Sind viele beisammen, so brauchst du keine Angst zu haben, daß man dich ungebührlich behandle. Merk dirs, Christinchen, und glaube mir, wenn ein Mädchen entschlossen ist, seinen guten Ruf zu bewahren, so kann sie ihn selbst mitten in einem Heere bewahren. Freilich soll man die Versuchung fliehen, aber die geheime, nicht die öffentliche.“
„So laß uns hineingehn, Preziosa,“ erwiderte Christina; „du weißt mehr als ein Gelehrter.“
Auch die alte Zigeunerin ermunterte sie, und sie traten ein. Kaum war Preziosa drinnen, als der Herr mit dem Kreuz das Papier bemerkte, das sie im Busen stecken hatte; er trat auf sie zu und griff danach, Preziosa aber rief: „Nehmt es mir nicht, mein Herr, es ist eine Romanze, die ich in diesem Augenblick bekommen und noch nicht einmal gelesen habe.“
„So kannst du lesen, mein Kind?“ fragte einer.
„Und auch schreiben!“ entgegnete die Alte. „Ich habe meine Enkelin erzogen, als wäre sie eine Gelehrtentochter.“
Der Kavalier faltete das Papier auseinander, fand einen Goldtaler dareingewickelt und rief: „Zum Kuckuck, Preziosa, dem Brief ist das Porto gleich beigeschlossen! Da hast du einen Taler; er lag in der Romanze!“ „Gut!“ antwortete Preziosa, „der Dichter hat mich als ein armes Ding behandelt, und schließlich ist es ein größeres Wunder, daß ein Dichter mir einen Taler schenkt, als daß ich ihn nehme. Kommen all seine Romanzen mit solcher Zugabe, so mag er ruhig den ganzen Romancero ausschreiben und mir Stück für Stück schicken; ich werde ihnen schon den Puls fühlen, und sind sie hart, so will ich weich sein und sie annehmen.“
Die Zuhörer bewunderten den Witz und die Anmut ihrer Worte; sie aber fuhr fort: „Leset, mein Herr, und zwar recht laut; wir wollen sehn, ob der Witz des Dichters so groß ist wie seine Freigebigkeit.“
Und der Kavalier las vor:
Du Zigeunerin, als Rose
Aller Schönheit wohl zu preisen,
Die du wirst mit Recht geheißen,
Gleich dem Edelstein, Preziose,
Auch aus dir ist jener Rede
Richtigkeit leicht zu ersehen,
Daß stets miteinander gehen
Schönheit und die härtste Spröde.